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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:04 pm
"Kommt auf die Perspektive an," erklärte Hieronim und ließ den Brief auf den Tisch gleiten. "Cailan und die Templer haben den Landstrich zurück erobert - der Baron und seine Geliebte haben den Freitod wählen wollen. Allerdings..." Hieronim schüttelte den Kopf. "Sagen wir, es hat nicht ganz so funktioniert und man könnte der armen Frau nur wünschen, dass sie wirklich gestorben wäre. Jedenfalls ist der Baron tot und die Anführer des Aufstandes in der Gewalt der Templer. Cailan trat dafür ein, dass der Rest der Magier dem Orden des Königs überstellt werden. Der Inquisitor hielt diese Forderung für eine Anmaßung und lehnte ab," Hieronim massierte sich die Schläfen.
"Du scheinst Cailan jedoch derart von der Wichtigkeit dieser Sache überzeugt zu haben, dass er ein Gottesurteil fordert. Der Inquisitor konnte das nicht ablehnen. Es kommt morgen früh zum Kampf."
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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:09 pm
"Er ist ein guter Kämpfer und weiß, was er tut, Hieronim. Er wird dieses Duell gewinnen." Zumindest hoffte sie genau das, wohl wissend, dass sie es war, die sonst die Schuld am Tod seines Erstgeborenen trug. So nahe sie sich auch stehen mochte, er würde ihr das nicht verzeihen können - ganz abgesehen davon, dass auch sie nicht wollte, dass Cailan etwas zustieß. Was die junge Magierin anging, die sich mit dem Baron eingelassen hatte - sie ahnte bereits, was ihr zugestoßen sein mochte, ahnte, dass es damit zusammenhing, welche neuen Methoden sich die Templer ausgesucht hatten, um Exempel an den aufständischen Magiern zu statuieren.
"Wenn Cailan mir Zugang gewährt, kann ich uns ein Portal dorthin schaffen. Nur, falls du bei ihm sein willst, Hieronim."
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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:17 pm
"Es ist nicht der Inquisitor gegen den er antreten wird," erklärte Hieronim leise und drehte den Brief nun in Richtung von Lyra, damit sie den Namen lesen konnte. "Der Kastor des Lichts. Der Titel wird dir nicht viel sagen, aber du kennst ihn. Wenn auch unter einem weitaus schmuckloseren Namen - Lor von Ustedt, die Faust des Westens. Ich bin mir sicher du erinnerst dich - er war derjenige, der damals Grauklaue und mich beinahe in zwei Hälften gespalten hat. Ohne deine Heilkunst..." er schüttelte den Kopf und kratzte sich an der Stirn. "Nachdem ich ihn bei der Schlacht um die Schwarzsümpfe geschlagen und seiner Ländereien beraubt habe hat er seine Frömmigkeit gefunden."
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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:23 pm
Alle Farbe wich aus Lyras Gesicht als die die Hand ausstreckte und den Brief entgegen nahm und die Augen über die eng geschriebenen Zeilen wandern ließ. Sie sog scharf die Luft ein als ihre Augen an dem Namen hängen blieben und schaudernd erinnerte sie sich an den großen, kahlköpfigen Mann mit den Dutzenden von Narben im Gesicht, dem Nacken, der jedem Stier Konkurrenz machen würde und den muskelbepackten Armen. Er war schon immer ein unangenehmer Zeitgenosse gewesen, selbst als er noch nicht zum Glauben gefunden hatte - wenn er seine Kenntnisse jetzt in den Dienst der Kirche gestellt hatte, dann sahen Cailans Chancen gar nicht mehr so gut aus.
"Ich bereite alles vor", teilte sie mit, ohne das Erlaubnis von seiner Seite abzuwarten und ließ den Brief zurück auf den Schreibtisch sinken. Sie brauchte die Hilfe ihres Zirkels für das Vorhaben, die magische Unterstützung ihrer eigenen Bannweber, um ein stabiles Portal zu schaffen, das weder Hieronim, noch sie ins Verderben reißen würde und sie brauchte dringend einen Notfallplan, der aussehen würde, als wäre es göttliche Fügung, dass Cailan diesen Kampf überstand.
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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:27 pm
"Die Kirche hat einen Adjutanten für sich ausgewählt," erklärte Hieronim und stand langsam auf, hielt Lyra am Arm fest. Sanft, aber bestimmt. "Das bedeutet, dass auch Cailan das Recht auf einen Adjutanten hat. Ich weiß wie von Ustedt kämpft - ich habe Schlachterfahrung. Cailan ist nur ein Junge, kein Soldat" erklärte er leise und eindringlich, zwang Lyra ihn dabei anzusehen.
"Ich werde an seiner statt kämpfen!"
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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:32 pm
"Ich glaub, du hast heute das Falsche gefrühstückt!", fuhr Lyra kopfschüttelnd auf, weil das, was er ihr hier vorschlug noch viel hirnrissiger war als Cailan gegen den Kirchenanhänger kämpfen zu lassen.
"Du warst seit Jahren nicht mehr in einer einzigen Schlacht, geschweige denn dass du außerhalb des Schreibtischs und des Thronsaals gekämpft hast und selbst dort nur mit Worten. Er hat dich damals fast ermordet - was glaubst du geschieht jetzt, wo du es nicht mehr gewohnt bist? Wie soll es mit dem Reich weitergehen? Cailan ist noch nicht so weit, das weißt du selbst und du bist zu klug, um zu glauben, dass Gott dich vor einem Schaden bewahren würde. Du wirst den Teufel tun und gegen Utstedt antreten!"
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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:37 pm
"Ich bin ein Soldatenkönig Lyra! Ich habe dieses ganze verdammte Reich mit meinen eigenen Händen erobert! Und ich habe durchaus trainiert in all den Jahren - von Utstedt ist noch einmal fünf Jahre älter als ich. Ja - er hat mich damals fast bekommen, aber ich begehe einen Fehler nie ein zweites Mal. Ich werde nicht meinen ältesten Sohn sterben lassen, bei dem Versuch einige Zirkelmagier zu retten! Er ist immer noch meine Familie Lyra!" er umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen.
"Und ich werde gewinnen - weil ich eben nicht glaube, dass irgend ein wie auch immer gearteter Gott mich vor Schaden bewahrt. Von Utrecht glaubt es aber - das ist seine schwäche. Wenn die Kirche meinen Sohn tötet, dann ist alles vorbei - dann haben sie den Thronerben bei dem Versuch Magier zu schützen getötet. Dann wird sie nichts mehr aufhalten - wenn ich jedoch ihn besiege, dann beweist das die Überlegenheit der Krone gegenüber dem Klerus!"
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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:43 pm
"Und was glaubst du, geschieht erst, wenn sie dich töten?", stellte Lyra die einzige Frage, sich weder von seinen Versicherungen, geschweige denn seiner hanebüchenen Erklärung beruhigen lassend. Ja, er hatte dieses Reich einst erobert, aber seit nunmehr über 15 Jahren war er auf keinem Schlachtfeld mehr gewesen und seine Übungen waren ebenfalls einige Jahre her.
"Wenn du den Klerus besiegen willst, nutze unsere neue Allianz und bitte einen Mann aus der Bruderschaft."
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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:46 pm
"Ach die Bruderschaft - verflucht noch eins Lyra. Das ist nicht wie ich die Dinge lösen sollte - ich habe dieses Reich auf dem Schlachtfeld gewonnen und am Verhandlungstisch zusammengeschweißt. Es widerstrebt mir diese neue Komponente in all das hinzuzufügen!" erklärte er leise und massierte sich die Schläfen. "Und wen soll ich deine Meinung nach Einsetzen? Unsere Kontaktperson ist Meilenweit entfernt und der einzige Assassine, der mir zur unmittelbaren Verfügung steht ist Alisander - und soweit ich das aus deinem letzten Gespräch heraus gehört habe, wäre es dir beinahe lieber wenn er während des Duells stürbe!"
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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:49 pm
"Du wirst den Teufel tun und dich in Gefahr bringen. Du wirst diesem Reich neue Komponenten hinzufügen müssen, wenn du nicht willst, dass uns der Fortschritt eines Tages überholt. Die Bruderschaften sind loyal und verlässlich, sofern unsere Absichten edel sind. Lass mich mit den Assassinen im Osten sprechen - ich habe ihren Anführer kennen gelernt und ich weiß, zu was sie fähig sind. Sie können ihn besiegen und sie haben wegen der Zerstörung ihres Hauptquartiers noch immer eine Rechnung mit den Templern offen. Geben wir ihnen die Gelegenheit dazu, diese Rechnung zu begleichen. Wir kommen nicht ohne sie aus."
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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:52 pm
"Lyra - der Kampf ist morgen. Wie soll irgend ein Assassine aus dem Osten unser Problem jetzt lösen?" erklärte Hieronim und schüttelte den Kopf. "Dann könntest du genauso gut vorschlagen deinen blinden Magier gegen diesen Riesen antreten zu lassen. Mich wirst du sowieso nicht gehen lassen - soviel habe ich verstanden. Aber die Assassinen können uns in dieser Sache nicht helfen. Vor allem nicht in einem offenen Kampf!"
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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:53 pm
"Lass das meine Sorge sein. Ich bringe dir den Assassinen - du wärst bis morgen nämlich auch nicht im Westen angekommen."
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Re: Kapitel 12

am Do Sep 14, 2017 9:54 pm
"Wenn du ein Portal geöffnet hättest...", Hieronim winkte ab. "Besorg mir den Assassinen - und zwar einen, der den verdammten Hünen leiden lässt bevor er ihm den Gar ausmacht!"
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Re: Kapitel 12

am So Sep 17, 2017 10:12 am
"Du lässt diese Fremden frei herumlaufen?!"
Gydas Stimme war das Erste, was laut durch das große Haus drang, noch bevor ihre Gestalt überhaupt in Sichtweite kam. Wut hatte auf ihrem Gesicht rote Flecken auftauchen lassen und selbst Jörmundur hatte ihr dieses eine und einzige Mal nicht widersprochen, als sie ihm Runa und die Zwillinge anvertraut hatte, um mit ihrem Vater sprechen zu können. Es war nicht der erste handfeste Streit gewesen, den sie beide geführt hatten, nachdem ihr Ehemann viel Zeit mit Haakon in irgendwelchen Schenken verbrachte und überall eher zu finden war als Zuhause bei seiner eigenen Familie und seinen Kindern, deren Erziehung ganz allein an ihr hängen blieb. Heute hatte sie keinen Nerv gehabt, dieses Spiel weiter mitzumachen. Nicht nachdem die Fremden unmittelbar neben ihnen eingezogen waren.
"Direkt neben uns! In der Nähe meiner Kinder! Was ist mit der Warnung? Sie kommen aus dem Süden - du hast gesehen, was sie mit Haakon und den anderen gemacht haben!"
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Re: Kapitel 12

am So Sep 17, 2017 10:17 am
"Sie haben uns auch vor den Nachwehen des Sturmes bewahrt", schloss Henrik sacht und wusste nur zu gut, dass er sich Gyda nicht auf mehr als drei Meter nähern sollte. Seine Tochter war eine Furie - nicht, dass er das nicht schon seit ihrer Geburt gewusst hätte, bei der sie spontan beschlossen hatte, für geschlagene Stunden das Haus zusammen zu brüllen, so wenig gefiel es ihr, geboren worden zu sein.
"Und ja, direkt neben uns alles, nur, damit ich ein Auge auf sie haben kann. Lieber so, als wenn sie am Rande der Stadt in irgendeinem unbeobachteten Moment ihre eigene Scheiße kochen und uns damit überraschen, wenn wir nicht mehr damit rechnen."
Er ging um die andere herum, direkt hinein in die große Halle und ließ sich dort auf den großen, hölzernen Stuhl sinken, der weitaus mehr verziert war als die anderen um den Tisch. Sein Stuhl, der Stuhl, der den Anspruch symbolisierte, den er an den Norden stellte und das war nichts geringeres als die geeinte Herrschaft aller Fürstentümer, ob die anderen das nun schlecht fanden oder nicht. Er verfolgte weiter seine Visionen.
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Re: Kapitel 12

am So Sep 17, 2017 10:21 am
Haakon stand weiterhin stumm in der Ecke der langen Halle, ebenso wie einige Wachen des Jarls und versuchte alles um äußerst wenig aufzufallen. In einem großen Sack vor sich hatte er die neue Axt, die Henrik gefordert hatte und eigentlich war er auch nur hierher gekommen um ihm diese abzugeben. Man hatte ihn in die Halle gebeten und ihn dort warten lassen. Doch seit dem Moment, da er Gydas Stimme aus dem Vorraum der Halle vernommen hatte, bereute er es heute morgen überhaupt aufgestanden zu sein -egal wie das hier ausging, er fürchtete, dass ihn irgend jemand nach seiner Meinung fragen würde.
Ein guter Moment, um die frisch geschärfte Axt an sich selbst zu testen.
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Re: Kapitel 12

am So Sep 17, 2017 10:26 am
"Nicht aus den Augen zu lassen? Sie könnten nur hier sein, um uns alle zu ermorden! So wie die Götter es vorausgesehen haben!", fuhr Gyda wieder auf, die sich auch von der ruhigen Stimme ihres Vaters nicht beruhigen lassen wollte und Haakon - zu seinem Glück - in seiner Ecke nicht einmal bemerkt hätte, wenn er auf den Tischen der großen Halle getanzt hätte. Sie wusste, dass er der Trinkfreund ihres Ehemannes war, dass die beiden viel Zeit miteinander verbrachten und er oftmals der Grund dafür war, wenn Jörmundur erst im Morgengrauen vollkommen betrunken nach Hause kam.
"Was, wenn die Götter nicht die Armeen meinten? Wenn die Warnung den Fremden galt und du lässt sie so nah an unser Haus!
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Re: Kapitel 12

am So Sep 17, 2017 10:29 am
Henrik hätte sie weiterreden lassen können, doch langsam wurde ihm all das zu bunt. "Schluss damit, Gyda!", herrschte er sie an und schüttelte warnend den Kopf. "Meine Entscheidung steht fest und du akzeptierst sie."
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Re: Kapitel 12

am So Sep 17, 2017 10:35 am
"Du schlägst die Warnungen der Götter in den Wind", schoss sie zurück und verengte die Augen, weil sie nicht glauben konnte, dass selbst diese eine einfache Gespräch nicht mehr möglich war. Was bei der Götter Willen versprach er sich denn von den Fremden, die hierher gekommen waren und so unglaubwürdige Lügen erzählt hatten? Dass sie ihm gegen den Süden halfen, wo das doch ihre Heimat war und sie dorthin zurückkehren wollten?
"Wir haben dich beide gewarnt, Vater. Die Götter haben dem Fremden aus dem Sturm die Warnung ebenso gesandt wie mir und trotzdem sind sie hier."
Sie wollte ihn fragen, ob er den Glauben an die alten Götter verloren hatte, ob es ihm nicht wichtig war, ihnen zu opfern und ihnen zu vertrauen, aber gemessen daran, dass er sie bereits zuvor so jäh unterbrochen hatte, waren ihre Lippen über diese dreisten Fragen wie versiegelt. Vielleicht war es besser so und trotzdem fühlte es sich an, als würde sie hilflos dabei zusehen müssen, wie ihr Vater ins Verderben rannte. "Bitte", versuchte sie es dann noch einmal, dieses Mal flehender. "Hör auf diese Warnungen."
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Re: Kapitel 12

am So Sep 17, 2017 10:40 am
"Es ist entschieden", wiederholte Henrik, deutlich ruhiger, aber immer noch mit entschlossener Miene und musterte seine Tochter eine Weile. Sie war ängstlich geworden, seit sie Mutter war. Er erinnerte sich an sie, an ihre früheren Eskapaden und sie war Hedi nicht unähnlich, über die sie nun manchmal jammerte und stöhnte, wenn sie wieder einmal lieber unterwegs war, statt sich dem Kochen zu widmen. Sie versuchte so sehr, die Familie zusammen zu halten, dass ihr ständig die Menschen zu entgleiten drohten, die doch eigentlich nichts lieber taten, als bei ihr zu sein. Es war ein Teufelskreis, den sie sich da malte und dessen eigen auferlegte Linien sie nicht mehr zu überschreiten wagte, um es von außen zu betrachten.
Aber sie war auch erwachsen und er selbst musste akzeptieren, dass sie eigene Entscheidungen traf. Nur nicht diese eine, die die Fremden betraf. Er hatte so eine dunkle Ahnung, dass noch etwas kommen würde. Vielleicht waren die Warnungen berechtigt. Doch bislang hatte er sich erfolgreich gegen alle Vorhersagen behauptet. Er war Jarl geworden, hatte die Fürstentümer so gut es ging geeint und er würde das nicht mehr hergeben. Es war seine Aufgabe und diese Fremden ... sie faszinierten ihn.
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Re: Kapitel 12

am So Sep 17, 2017 10:45 am
"Chrm chrm..." Haakon räusperte sich, verfluchte sich in der selben Sekunde jedoch dafür diese Dummheit begangen zu haben. "Herr... ich habe die Axt die ihr verlangt habt", meinte er leise und trat einen halben Schritt nach vorne. Gydas Blick spießte ihn auf, ehe sie sich umwandte und aus der langen Halle stürmte. Eine Gänsehaut zog sich über die muskelbepackten Arme des Schmieds und er hoffte inständig, dass sie ihm nichts allzu schlechtes Gewünscht hatte.
Aber diese Diskussion war unsinnig geworden und Haakon hatte gespürt, dass etwas böses passieren würde, wenn er nicht eingriff.
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Re: Kapitel 12

am So Sep 17, 2017 10:49 am
"Haakon!", rief Henrik den anderen zurück und zog die Augenbrauen hoch, zwischen ihm und Gyda hin und her sehend. "Du wirst einstweilen deine Lagerstätte verlegen, Haakon. Gyda fürchtet um ihre Familie und Jörmundur ist momentan ein wenig ... nun, erschlagen von der Stadt. Du wirst im Gästebett des Hauses schlafen und über sie wachen, solange du nicht deiner Arbeit nachgehst. Lass die Sauferei sein - du hast eine Aufgabe."
Damit wäre sie einstweilen beschäftigt genug. Wahlweise Haakon umzubringen oder ihn, aber für den Moment war es nicht mehr sein Problem. Er wusste, dass sie in guten Händen war, ob mit dem Schmied oder ohne.
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Re: Kapitel 12

am So Sep 17, 2017 10:52 am
Haakon blinzelte, klappte den Mund auf und zu. Es brachte Unglück im eigenen Dorf unter einem Fremden Dach zu schlafen - man konnte kein Gast im eigenen Dorf sein. Ebenso wenig wie ein Bruder der eigene Vater sein konnte. "Ja Herr - ich... werde auf sie Acht geben," erklärte er leise und nickte. Es war ein Befehl des Jarls, wenngleich Haakon sich auch schon jetzt vor Jörmundurs Reaktion fürchtete. Henrik hatte seinem Schwiegersohn gerade beschieden, dass er nicht in der Lage war auf seine eigene Familie zu achten. Und Jörmundur würde diesen Umstand nicht zuletzt Haakon anlasten und der Schmied konnte dies sogar nachvollziehen.
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Re: Kapitel 12

am So Sep 17, 2017 11:04 am
Jörmundur hatte sich nicht etwa irgend einem Laster hingegeben oder versackte gerade in irgend einer Schenke. Stattdessen hatte er die Arbeit erledigt, die eigentlich für drei Männer gedacht war und mehrere Trupps hintereinander auf ihre Patrouille begleitet. Aktuell gab es zu wenig Männer und Frauen die in der Lage waren Trupps unter sich zu führen und die die Ruhe besaßen, diese auch in den richtigen Momenten lesen zu können. Selbst den Männern war es inzwischen aufgefallen, dass die fehlende Riege an Hauptmännern den wenigen verbliebenen oder neu zugezogenen, wie es auch Jörmundur war, stark zusetzte. Drei Märsche hatte er hintereinander begleitet, jeder gut fünfzehn Stunden lang. Beim dritten waren sie auf Feinde gestoßen, Wilderer die sich vom Kopf eines jeden Nordlings unter den vereinten Fürstentümern eine Belohnung von den Südländern versprachen. Es waren fünfzig Mann gewesen, eine wild gewordene Horde aus Männern und Frauen ohne Ehre. Sie hatten sie in einem harten Kampf besiegt, wobei keiner der Gegner mehr lebte. Einige hatten versucht zu fliehen, doch sie hatten den Pulk an Feinden recht schnell eingekesselt. Nun trat Jörmundur durch die große Tür, das Gesicht blutverschmiert, Schnittwunden am ganzen Körper und mit einem hinkenden Bein, wobei sein Rolkeskjoi ihm als Stütze diente. „Herr“, begann er und der Frost der sich in seinen Haaren festgesetzt hatte, wollte trotz der Hitze im Raum nicht verschwinden. „Die Ausgestoßenen sind tot. Wir haben sie fünfzig Meilen südlich von hier gefunden.“
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Re: Kapitel 12

am So Sep 17, 2017 11:16 am
Regungslos hatte er in der Nähe des großen Langhauses verharrt und nur still den Gesprächen gelauscht, die durch eines der dünnen Fenster nach außen drangen und dafür sorgten, dass zwar nicht jedes einzelne Wort, wohl aber der Inhalt der Gespräche für ihn verständlich gewesen waren. Die Götter hatten den Norden also vor den Fremden gewarnt und der Jarl der Jarls, wie Haakon Henrik genannt hatte, schoss alle Warnungen in den Wind - entweder das, oder er verstand sich darauf, ein guter Schauspieler zu sein, selbst vor seiner eigenen Familie. Der Schmied schlief also von jetzt an im Nachbarhaus, beschützte die Familie - damit stand die Schmiede über die Nacht leer, auch wenn er nicht glaubte, dort viel zu finden, das ihm helfen würde.
Die Kälte stach auf den Wangen trotz des dicken Fells, das ihn vor eben jener Kälte beschützen sollte. Matsch lag auf den Stiefeln, aber der Regen hatte längst die Abdrücke seines vorherigen Weges unkenntlich gemacht, die Karte mit den Positionen von Häusern, kleinen Feldern und Wegen ruhte sicher verstaut in einem der Beutel an seiner Seite, direkt neben einem der Dolche. Den Rest würde er sich von Henrik zurückholen müssen, wenn das Misstrauen des anderen weiter gefallen war. Der Mann, der jetzt durch die Tür des großen Langhauses trat, klang erschöpft - zwischen hektischen Worten hörte er das scharfe Einziehen von Luft, das über das Prasseln des Lagerfeuers tönte. Verletzt also.
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Re: Kapitel 12

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