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Re: Kapitel 18

am Mi Nov 29, 2017 11:12 pm
"Dann hätte er es jederzeit beenden können", antwortete Lyra nur und zog die Jüngere sacht zu sich, die Arme behutsam um sie legend und den Sessel ignorierend, der sich halb zwischen ihnen beiden befand und dessen Polsterung ihr jetzt unangenehm in die Seite drückte. Für den Augenblick war ihr die Zauberin neben ihr wichtiger als die eigene Bequemlichkeit. Es tat weh, sie so zerrissen zu sehen und genau zu wissen, wie sie sich gerade fühlen musste - hin und her gerissen zwischen dem vielleicht in den wirren Vermutungen und Ängsten, sie könne unerwünscht sein.
"Die Mitglieder der Bruderschaft sind gut darin, Dinge endgültig zu beenden, aber du bist immer noch hier, immer noch ein Mitglied und du hast dort noch immer einen festen Platz", versuchte sie ihr zu erklären. "Sie sind nicht einfach, sie sind furchtbar darin Dinge zu sagen, die ein anderer hören will, selbst wenn es vielleicht genau das ist, was sie gesagt hätten, aber du bist ein Teil von ihnen und jeder Einzelne von ihnen würde alles für dich tun. Er liebt dich, Faye. Ob nun mit deinem ganzen Chaos und dem Ärger oder ohne."

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"Septim glaubt an mich, weil er mich aufgezogen hat", folgte der kurze Protest von Emersons Seite, begleitet von einem kurzen bitteren Lachen, das schneller über die Lippen kam, als er es hatte zurückhalten können. "Ich könnte alles tun und trotzdem würde er immer noch an mich glauben ... Jeden anderen hätte er längst zurück beordert. Jeden anderen hätte er längst vor den Rat gestellt und dafür verurteilt, dass er die Bruderschaft gefährdet hat ... Ich hab sie verbrennen lassen."
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Re: Kapitel 18

am Mi Nov 29, 2017 11:30 pm
Die Nähe tat gut - sie war bedingungslos und sie wusch ein wenig den Hass auf sich selbst weg und das Gefühl, vor ein paar Stunden einen riesigen Fehler gemacht zu haben. Die Entscheidung, das Bett miteinander zu teilen war nicht ihre beste gewesen und dummerweise fühlte Faye sich mehr benutzt als jemals zuvor in ihrem Leben, obwohl sie bei Weitem nicht unschuldig daran gewesen war. Manchmal hatte es ihnen schließlich geholfen, aber sie hätte es besser wissen müssen. Sie hätte es in dem Moment wissen müssen, in dem er die Trauer um die Assassinen, die sie verloren hatten, nicht verstanden hatte ... nicht hatte zulassen können. Das war wohl richtiger. Spätestens aber dann, als er ohne Worte gegangen war, weil er glaubte, sie schliefe.
Vielleicht hatte Lyra Recht, aber ihre Worte waren so bedeutungslos ohne die dazugehörigen Taten und den Halt, den sie weder erhalten noch hatte geben können in den letzten beiden Wochen. Ihre Nerven lagen einfach blank und sie hasste sich dafür, so ein still heulendes Elend zu sein, das sich von einer Zauberin trösten ließ, die sie zwar als Freundin, nie aber als engste Vertraute betrachtet hatte. Aber was und wer blieb ihr denn, wenn all die anderen selbst mit sich zu tun hatten? Sie wollte auch nicht Aris neu erblühte Freundschaft mit der Hofdame überschatten, die sich angebahnt hatte in den letzten zwei Tagen. Er wirkte endlich wieder als hätte er ein Ziel und sie wollte ihn beschützen, ihn nicht mit hineinziehen in ihren Mist, genauso wie damals schon.
Emerson, die Heilersache ... wo war es nur so schief gegangen?

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"Septim glaubt an dich, weil er weiß, dass er dich immer am härtesten heran genommen hat von all seinen Spatzen. Und auch später warst du es, der die kniffligen Aufträge bekommen hat. Die Chancen liegen dabei nun einmal höher, auch etwas in den Sand zu setzen", konterte Eleonora und stellte das Bier außer Reichweite, ehe Emerson es sich anders überlegen konnte. Er zerfleischte sich auch genug ohne Alkohol, es gab keinen Grund, ihn sich bis zur Besinnungslosigkeit besaufen zu lassen. Dann würde er einen Zustand erreichen, der nur noch schlimmer war, das wusste sie aus Erfahrung.
"Und wer hat verstanden, dass Leuten eine zweite Chance gegeben werden muss, Em. Du bist immer noch menschlicher als viele andere in unserer Berufssparte. Alisander hätte den Jungen umgebracht, ohne lange zu fragen. Soweit ich weiß, hat Jaffar nicht die Bruderschaft verraten, so wie ein gewisser anderer Assassine. Und ich weiß, er hat es dennoch zurück in die Reihen geschafft, bis ganz nach oben. Und da brauchen wir klar denkende Köpfe wie dich. Leute, die entscheiden können, ob jemand einen Fehler gemacht hat, der die Bruderschaften ins Verderben stürzen kann oder ob jemand einfach zu früh geprüft wurde und Talente hat, die uns helfen können."
Elli lehnte sich zurück, den Humpen mit Wasser in den Händen. "Alisander musste sterben und du wusstest es. Du hast den Auftrag ausgeführt. Die Kosten waren hoch und ich wünschte, ich hätte es längst für dich erledigt, aber das bringt uns nicht weiter. Wir müssen nach vorne sehen. Die Assassinen, die übrig sind, brauchen dich und sie brauchen dich bei klarem Verstand, um die Aufgaben zu delegieren, die dir gerade zu viel werden. Glaub nicht, ich würde es nicht mitbekommen. Du bist nur ein Mann, Emerson. Ein Mensch noch dazu und kein willenloses Objekt, das jemand steuern kann. Denk auch an dich."
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 6:42 pm
"Weißt du", begann Lyra nach einer ganzen Weile der Stille zu sprechen und nachdem sie erkannt hatte, dass die Jüngere nichts erwidern, ihr nicht widersprechen oder zustimmen würde. Sanft strich sie ihr über die wirren, blonden Locken, die längst den Glanz verloren hatten und die nur eines von vielen Zeichen für die Entbehrungen der letzten Wochen waren. "und das mag vielleicht ein wenig zynisch klingen, aber wir sind uns nicht so unähnlich wie du glaubst. Wir haben uns beide Männer ausgesucht, für die Berufung vor allem anderen geht. Sie werden in erster Linie immer etwas anderes sein als der Mann an unserer Seite", versuchte sie ihr sacht zu erklären, einen kurzen Moment lang innehaltend und still für sich selbst lächelnd, bevor sie Faye sacht einen Kuss auf die blonden Locken hauchte, den Arm nicht lösend, mit dem sie die andere noch immer festhielt.
"Das ist hart und das ist unfair, aber wir wären nicht zufrieden, wenn sie anders wären. Wir wollen sie beide nicht anders als so und es wird noch Dutzende von Momenten geben, an denen du daran zweifelst, ob du nicht einfach gehen solltest. So wie sie es tun und dann werden wieder Momente kommen, an denen du nicht hättest glücklicher sein können. Ich kann dir nicht versprechen, dass es mit der Zeit besser wird, aber es wird leichter damit umzugehen und es hört auf weh zu tun, wenn du erst begreifst, dass sie sich nun einmal nicht ändern werden. Dass das etwas ist, was keine Liebe dieser Welt jemals aus ihnen heraus bekommen wird und dass sie andere Dinge haben, mit denen sie zeigen, wie wichtig wir ihnen sind."

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"Der Mann hinter dem Messer hat nicht nur dabei versagt eine Bruderschaft zu führen", war das Einzige, was Emerson dazu verlauten ließ, fast ein wenig beleidigt darüber, dass Elli ihm das Bier weggenommen hatte. Der schale bittere Geschmack hatte zwar nicht geholfen, aber es hatte wenigstens dazu geführt, dass sich diese Worte von eigenen Vorwürfen ein einziges Mal über seine Lippen geschält hatten, bevor sie endgültig verstummten. Jetzt saß er hier und fühlte sich nüchtern wie ein noch viel schlimmerer Versager, als noch vor ein paar Stunden. Irgendetwas - ein bisschen von dem zurück, wie es einst in Kaladir gewesen war - entfernt davon Verantwortung zu übernehmen und dabei immer wieder aufs Neue auf die Nase zu fallen.
Er wusste nicht, woher Elli den unerschütterlichen Glauben in ihn nahm. Weshalb sie noch immer glaubte, er würde irgendetwas anderes erreichen können - etwas verändern können. Klar denken war noch nie so weit entfernt gewesen, wie in diesem Augenblick, in dem er sich wünschte, es würde irgendjemanden geben, dem er weh tun konnte, um das Gefühl loszuwerden, er müsse gleich im nächsten Moment losschreien. "Sie wird wahrscheinlich gehen", folgte es stattdessen, kaum lauter als zuvor. "In den Norden - zu Aias und dort, wo die Magier sicher sind. Weit weg von mir."
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 7:06 pm
"Das weiß ich", murmelte Faye, die all diese Gedankengänge schon so oft durchgekaut hatte. Sie wusste um die Tatsache, dass Emerson ein Assassine war und nicht und vor allen Dingen ihr Vertrauter. Sie hatte es immer gewusst und es - zumindest hatte sie das gedacht - akzeptiert. Sie konnte auch damit leben, wenn sie nicht an erster Stelle kam. Himmel, wie oft war sie es auch schon gewesen in ihrem Leben? Es war nicht so, als hätte sie sich daran gewöhnen können, zuerst zu kommen.
"Ich will ihn nicht ... vereinnahmen. Jeder von uns schleppt sein eigenes Päckchen und irgendwie sind wir immer durchgekommen. Aber ich scheine ihm nur Probleme zu bereiten und jedes Mal, wenn so etwas geschieht, zieht er sich zurück. So weit, dass ich ihn kaum mehr erreichen kann. Es klingt so ... albern und kindisch und egoistisch -" Dinge, die sie eigentlich nicht sein wollte. Aber sie war auch nur ein Mensch und noch dazu einer, der sich die letzten Wochen mehr als zusammengerissen hatte für alle anderen. Die nächtlichen Stunden würden ihre Schande vermutlich verschlingen und geheim halten. Sie hoffte das gleiche von Lyra.

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"Bitte ...?", hakte Eleonora nach, zum ersten Mal in diesem Gespräch ein wenig verloren, weil sie den Anschluss verpasst hatte. Sie konnte sich ja denken, von wem sie sprachen, aber sicher war sicher: "Reden wir von Faye?"
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 7:49 pm
"Keiner von uns ist wirklich selbstlos, Faye, auch wenn wir es noch so sehr behaupten. Es ist nicht verwerfliches daran jemanden bei sich haben zu wollen", erinnerte sie sie wieder und verbiss sich ihr leises Seufzen, weil es im Augenblick nur falsch gewirkt und sie wieder von sich weggetrieben hätte. Sie war gerade glücklicher darüber, dass sie sich ein einziges Mal öffnete und dennoch würden sie beide am Morgen so tun, als hätte dieses Gespräch mitten in der Nacht, ungehört von all den Ohren, die sonst im Schloss waren und die sich hinter jeder Wand verbargen, niemals stattgefunden.
"Habt ihr beide mal darüber gesprochen? Was ihr eigentlich wirklich wollt und wie die Zukunft aussehen soll?", hakte sie dann schließlich noch einmal nach und anhand des kurzen Blickes, den die andere ihr zukommen ließ, wusste Lyra bereits, dass sie nie über etwas ähnliches gesprochen hatten. Sie hatten es so laufen lassen, sie hatten einfach so getan als gäbe es dieses Problem nicht und waren dabei mit dem Kopf gegen die Wand gelaufen.
Wo genau ist es denn schief gegangen?"

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"Sie wollte ihre Magier im Norden unterbringen ... dort, wo sie frei sind. Wie sie es selbst gewollt hat." Allein dafür, dass er diese Dinge in einer Schenke aussprach, hätte er sich selbst geißeln können - dafür, dass er einmal mehr nicht die Klappe halten konnte, wo es angebrachter war und wo seine Worte nicht noch mehr Schaden angerichtet hätten.
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 7:55 pm
"Jeder unserer Tage könnte der letzte sein, Lyra", erinnerte Faye die andere, fast nachsichtig lächelnd. "Wir wollen keine Familie, können nie weiter, als bis zum nächsten Morgen planen. Es gibt keine Wachen, die uns schützen würden, auch, wenn die Assassinen sich jeder für Emerson ins Messer werfen würden. Aber eine Garantie auf eine Zukunft gibt es nicht. Wir nehmen die Tage, die uns gegeben werden. Darüber nachzudenken, was nun schon wieder vor uns liegt ... welcher Berg, den wir wieder erklimmen müssen mit dem Aufbau der Bruderschaft ... es würde uns behindern."
Sie umging die zweite Frage damit und sah hinunter auf ihre Finger, die sie inzwischen eng ineinander verkrallt hatte, um sich davon abzuhalten, nervöse Bewegungen zu machen. Sie redete nicht gerne über all das - fühlte sich unzulänglich in Lyras Gegenwart, für die es so einfach schien, einen Plan für die Zukunft zu machen, weil ihr Leben nie der direkten Gefahr ausgesetzt war.


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"Aber sie ist hier, oder nicht?", erinnerte Eleonora ihn sanft und legte ihm die Finger in den Nacken, um dort einen völlig verspannten Knotenpunkt zwischen Daumen und Mittelfinger zu massieren. "Sie ist nicht im Norden, Emerson, sondern hier bei dir und wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, dann hast du sie nicht gezwungen, dir zu folgen, sondern sie hat es freiwillig getan."
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 8:05 pm
"Ihr lebt nur diesen einen Tag, Faye. Weshalb dann sich mit dem Gestern beschäftigen, wenn es das Morgen auch nicht gibt?", fragte Lyra lediglich sacht lächelnd, erleichtert das kurze Lächeln auf dem Gesicht der Jüngeren wahrnehmend. "Dieses Leben ist alles, was wir haben. Diejenigen, die bei dir sind, sind es, weil sie es wollen und nicht, weil du es ihnen befohlen hast. Sie stehen an deiner Seite, weil du ihnen wichtig bist und nicht, weil sie etwas davon erwarten. Du hast nicht mehr zu geben als alles, was dich ausmacht und das ist bei Weitem genug."
Sacht drückte sie Fayes Hand. "Ich weiß, dass dir so viele Menschen eingeredet haben, wie schlecht du bist. Was für ein schlechter Einfluss du bist und wie viel du dir eigentlich vorwerfen solltest. Ich kann mir vorstellen, wie schwer es ist, diese Worte auf Dauer zu ignorieren, ohne sie selbst irgendwann zu glauben, aber du bist diejenige gewesen, die vielen eine Chance gegeben hat. Aristeas ist nur wegen dir noch am Leben. Linea nur deinetwegen nicht in einem Zirkel. Viele der Verwundeten deinetwegen noch am Leben. Ich habe wegen dir eine Chance auf das bekommen, was ich will. Dein Assassine nur deinetwegen noch ein fühlender Mensch. Du bist gut darin dich klein zu reden, sie haben es uns ja auch nicht anders beigebracht, aber es war eine von vielen Lügen, die wir gehört haben. Hab ein bisschen Vertrauen in dich selbst. Du hast so viel zu geben."

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"Wir wussten schon in Kaladir nicht weiter", ließ er sie leise wissen. "Ich weiß nicht, ob es die Jahre besser gemacht haben ..."
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 8:14 pm
Warum fühlte es sich dann an, dass alles, was sie gab, sie durchsichtiger scheinen ließ? Faye wusste die Worte zu schätzen, sie taten gut - aber sie beseitigten weder den schalen Geschmack, der sich ihr auf die Zunge legte, noch das Grummeln, das in ihrem Magen rumorte.
Emerson war bei ihr, weil sie bei ihm war. Er hätte niemals akzeptiert, im Norden zu bleiben, nur wegen ihr und sie hatte ihn gewähren lassen, war ihm gefolgt und hatte sich weiter von Chadim ausbilden lassen. Sie wollte keine Minute dessen missen, aber sie hatte etwas missachtet und das war ihre eigene Magie, das, was sie ausmachte, wenn sie nicht gerade Assassinen zusammenflickte und Emerson Kopfzerbrechen bereitete.
Mit einem langen Ausatmen lehnte sie sich zurück und entspannte ihre Finger. "Was ... deinen Wunsch angeht. Es gibt da noch etwas."

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"Und hast du jemals mit ihr gesprochen ...?", hakte Elli mit hochgezogenen Augenbrauen nach. "Bist du jemals als erster zu ihr gegangen und hast versucht, einen Weg zu finden ...?" Sie hätte viele Dinge hinterhersetzen können, doch sie tat es nicht. Ließ nur diese beiden Fragen im Raum stehen, die Emerson schon genug zu denken gaben.
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 8:20 pm
Lyra schüttelte lediglich den Kopf. "Nicht jetzt. Es hat Zeit", wehrte sie ab, weil es für den Moment wirklich nicht zählte, solange sie ihre Ziele auf dem Rücken jener erreichen musste, die darunter litten. "Es geht dir schlecht, Faye." Und was für ein Mensch wäre sie, wenn sie über all das diejenigen vergaß, die es ihr überhaupt erst ermöglicht hatten, soweit zu kommen und sich in dieser angenehmen Situation zu befinden kaum etwas außer der Kirche fürchten zu müssen. Das Mädchen hier neben ihr war so schnell bereit von sich selbst wieder abzulenken, um sich mit etwas anderem zu befassen als mit den eigenen Gedanken und Ängsten und dieses Mal war sie nicht bereit, sie so schnell wieder vom Haken zu lassen.
"Ich mache mir Sorgen um dich und gerade gibt es wirklich nichts, was wichtiger ist, als du."

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"Wann denn?", war die einzige Gegenfrage, die von einem schlichten Kopfschütteln begleitet wurde. Vielleicht war es einfach ein Fehler gewesen - einer Fehler, sich überhaupt darauf einzulassen und diese Freundschaft zu zerstören, die sie beide seit so vielen Jahren begleitet hatte. Vielleicht hätte er niemals diesen einen einzigen, verhängnisvollen Schritt gehen sollen. Wieder eines dieser Dinge, die er vermasselt hatte.
"Sie ist nicht glücklich hier. Das ist sie schon seit Jahren nicht."
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 8:30 pm
Faye war es nicht gewohnt - wirklich nicht - irgendwann einmal das Zentrum der positiven Aufmerksamkeit zu sein, wenn sie irgendetwas hatte und so dauerte es lange, bis sie die Antwort schließlich irgendwo tief in sich verstaut hatte, um später daran zu knabbern. Was sollte sie Lyra denn sagen? Dass sie sich wie ein jammerndes, selbstsüchtiges Häufchen Elend vorkam, wie sie hier die ältere Magierin um den wohlverdienten Schlaf brachte. Nicht, weil es vielleicht die richtige Betrachtung ihrer selbst war, aber weil sie nicht anders konnte?
Und dann wieder gab es so vieles, was wichtiger war. Lineas Ausbildung, die Bruderschaft, die irgendwie wieder neu entstehen musste ... all diese Dinge. Zögernd nur wanderte ihr verschwommener Blick zum Fenster hinüber. Dort draußen schimmerte sternenklar der Nachthimmel. Weit weniger dunkel als über Kaladir, aber das lag am Schnee, der hier die Dächer zierte. Die Hauptstadt. Noch immer betrachtete sie diesen Ort als 'neues Zuhause' - nicht, weil sie ihn so empfand, aber weil es der Ort war, an dem sie lebte und in der Hoffnung, es würde irgendwann die Wahrheit werden.

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"Emerson!", grollte Eleonora jetzt und hob ihre Hand, um dem anderen saftig eines über den Hinterkopf zu braten, dann knallte sie ein paar Münzen auf den Tisch und zog den anderen unsanft mit sich nach draußen. Die kalte, harte Luft schlug ihnen entgegen und klärte Ellis Geist innerhalb von Sekunden. Sie pokerte darauf, dass das auch mit Emerson geschehen würde.
"Komm schon!", forderte sie ihn auf und begann zu laufen - nicht gerade im Schneckentempo. "Das hilft deinem Kopf."
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 8:41 pm
"Faye", holte Lyra sie wieder aus den Gedanken und streckte erneut die Hand aus, um die der anderen zu drücken, bevor sie sich wieder zurückzog - es der anderen freistellend zu kommen, wenn sie es wollte. "Du störst mich nicht. Wenn ich schlafen will, werde ich das später tun und niemand wird mich dafür verurteilen. Wir haben alle Zeit, die du brauchst um zu reden oder zu schweigen. Was immer dir lieber ist", erklärte sie. "Aber gerade bist du wichtig. Faye. Dieses kleine rebellierende Ding, das mir vor langen Jahren in dem Bordell am Liebsten an die Gurgel gesprungen wäre, nur weil ich da war. Ich weiß, dass du glaubst dich verloren zu haben und wenn du Hilfe brauchst dich selbst wieder zu finden, dann verbringe ich gern sämtliche meiner Nächte hier gemeinsam mit dir, um das wiederzufinden und ich will dafür rein gar nichts von dir."

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Grober als vielleicht beabsichtigt löste sich Emerson wieder von der anderen, spürte Wut zwischen der Lethargie aufkeimen, die ihn jetzt dazu brachte, stehen zu bleiben, weil er sich nicht wie einen geprügelten Welpen durch die Gassen schleifen lassen wollte.
"Verdammt - was willst du, Elli?!", fuhr er auf, die Zähne aufeinanderbeißend bis der Kiefer schmerzte. "Ich habs vermasselt und ich hab keine Ahnung, woher du den Glauben daran nimmst, ich würde irgendetwas verändern können!"
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 8:53 pm
Das Bordell ... Faye erinnerte sich an diese Nacht, an diese verhängnisvolle Nacht, die so viel verändert hatte und in der so viel geschehen war. Und es waren bei Weitem keine guten Erinnerungen. Dummerweise hatte sie nun auch wieder vor Augen, wie sie schon damals mit Emerson gestritten hatte. Ärgerlich fuhr sie sich über die Stirn und wischte sich mit dem über den Handballen gezogenen Ärmel über die Augen.

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Eleonora blieb stehen und fuhr herum, funkelte Emerson an in einer Mischung aus Unglauben und Verzweiflung. "Die einzige Frage, die du dir stellen musst ist die, was du willst, Emerson. Was du bewirken willst und mit wem - alle hier in der Hauptstadt und deiner Bruderschaft stehen hinter dir und vertrauen dir! Septim vertraut dir und der Rest dort - Livio hat dir vertraut! Salim hat mich gebeten, zu dir zurückkehren zu können, obwohl er meiner Bruderschaft untersteht. Ich vertraue dir und ich kann dir sagen, warum! Du bist ein vernünftiger Mann, jemand, der sich Fehler eingesteht und anderen eine Chance gibt. Du bist die Menschlichkeit, die den anderen Bruderschaften abhanden gekommen ist, die wir aber alle dringend brauchen, damit wir in dieser Welt nicht nur als sinnfreie Meuchelmörder für die falschen Zwecke bekannt bleiben! Du bist hingefallen? Oh buhu! Jetzt steh auf und lerne daraus! Diese Männer sollen nicht umsonst ihr Leben gegeben haben - deine Heiler nicht für nichts ihre Nächte wach an den Betten verbracht haben, die Arme bis zum Ellenbogen in Blut, um auch nur eines der Leben zu retten!", erwiderte Elli, heftiger als man es von ihr gewohnt war. Sie wischte sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die der Wind dorthin getrieben hatte. Sie würde niemals zugeben, dass dieser Ausbruch bei Emerson genau das gewesen war, was sie bezweckt hatte. Er neigte dazu, alles herunter zu schlucken und sich selbst Vorwürfe zu machen - vielleicht half es, wenn er es los wurde. Ein für alle Mal. Zur Not würde sie sich auch mit ihm prügeln. Wenn es Wirkung zeigte, dann gerne! "Wenn du es hinschmeißen willst, dann hättest du es richtig tun sollen! Keine Überlebenden."
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 9:08 pm
"Hör auf damit", bat Lyra sie leise und glitt von ihrem Platz hinab, um vor Faye auf dem Boden sitzen zu bleiben, zu der anderen hinauf blickend, weil sie sonst keine Gelegenheit mehr sah sie überhaupt dazu zu bringen mehr zu sein als nur der Schatten ihrer selbst. "Zieh dich nicht wieder zurück. Schrei, weine oder rede, aber tu nicht das, was deinem ganzen Wesen widerspricht. Das bist du nicht und du bist nicht mehr in einem Zirkel, der dich dafür verurteilen kann, dass du mehr bist als eine Marionette."

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Wie vor den Kopf geschlagen von diesem Vorwurf, es könne genau das sein, was er gewollt hatte, war er kurz davor einen halben Schritt zurück zu machen, als wäre es ein Schlag der Älteren gewesen, der ihn getroffen hatte, aber stattdessen hielt er sich aufs Neue zurück, ballte lediglich die Hand zur Faust. Sie hatte leicht reden - sie hatte diese Probleme nicht, hatte sich niemals wirklich an irgendjemanden gebunden und führte ihre eigene kleine Bruderschaft, während es sie nicht kümmerte, ob sie nun eine Frau war oder nicht. Ihr lag nicht jedes Mal aufs Neue jemand in den Ohren, sie müsse mehr erreichen, irgendetwas umstürzen und die Regeln anpassen. Sie hatte nicht jedes Mal aufs Neue Leute bei sich, die von ihr verlangten, sie müsse Entscheidungen fällen und sich dann darüber beschwerten, welche Entscheidung es geworden war. Jeder noch so kleine Erfolg, der wieder und wieder mit Füßen getreten wurde, weil es unmöglich zu sein schien, Ordnung in diesen Haufen zu bringen.
"Deine Leute sind nicht tot, weil du zu langsam reagiert hast. Du hast sie nicht verbrennen sehen und sie verbrennen lassen, weil es ein Ziel gab", knirschte er zur Antwort und schüttelte den Kopf. "Bist du jetzt fertig damit mir Vorwürfe zu machen für den Mist, den ich ausbaden musste, weil der Rest unserer Bruderschaften versagt hat?!"
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 9:21 pm
"Lyra, dein Wunsch in allen Ehren, aber was soll ich denn sagen?", fragte Faye leise zurück und zwang ein Lächeln auf ihr Gesicht, auch, wenn es schmerzverzerrt war, so sehr tat ihr Körper von all den negativen Gedanken weh. "Alles, was mein Leben ausgemacht hat, habe ich hinten angestellt. Für die Bruderschaft, für Ari - für Emerson und jetzt auch für Linea. Ich will keinen davon missen, keinen einzigen Teil davon, aber ... ich habe rein gar nichts erreicht. Die Hand voll Magier dort oben im Norden? Sie werden auch bald fallen, weil die Templer sich dort Hoheitsgebiete schaffen. Aias Schutz ist hinfällig geworden mit den geplatzten Verhandlungen mit Hieronim."

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"Em ...", seufzte Elli leise und deutlich ruhiger, ehe sie näher trat, den anderen aber nicht berührte. Das hätte immer noch böse enden können, so wie er drauf war und sie hatte es darauf angelegt. Es tat ihr in der Seele weh, wie sehr er mit sich und der Welt haderte. Sie würde ihm nicht erzählen, wie sie erst vor kurzem mit einem Messer neben sich im Kopfkissen vibrierend aufgewacht war oder dass bereits ein Fünftel ihrer ursprünglichen Bruderschaft zu anderen abgewandert war. Zu denen, die nicht von einer Frau geführt wurden - also allen außer der ihren. Sie sagte ihm nicht, dass ihre Tochter mit dem Mann geflüchtet war, der der Vater der Kleinen war, weil es nicht mehr sicher war, sie bei sich zu haben und damit eine Zielscheibe zu bieten und sie wusste nicht einmal, wo die beiden gerade waren. "Hör auf damit. Ich versuche dir zu erklären, dass es geschehen ist und du nach vorne blicken musst. Die Vergangenheit kannst du nicht ändern, die Zukunft aber schon."
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 9:25 pm
"Was ist dein Leben, Faye? Erklär es mir, denn ich höre nur die Bruderschaft, Aristeas und all die anderen Namen und was sie wollen, aber niemals, was du willst. Versuch es mir zu erklären - was will Faye und wo bei allen Göttern ist sie in all diesen Jahren verloren gegangen?", stellte Lyra die direkte Frage. Immerhin redete Faye wieder mit ihr.

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"Alisander hat seine verfluchte Bruderschaft in Flammen aufgehen lassen. Damals - bevor sie ihn erwischt und vor den Rat gestellt haben. Bevor sie ihn zurück zum Spatzen gemacht haben und bevor er bei uns gewesen ist. Er hat mir irgendwann gesagt, dass wir nicht so unterschiedlich sind, wie ich glaube und jetzt steh ich hier und ich bin derjenige, der seine eigene Bruderschaft auch in Flammen hat aufgehen lassen, Elli! Wer sagt mir, dass ich nicht dieselben verdammten Fehler mache?!"
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 9:32 pm
Vielleicht war es in der Zelle geschehen, vielleicht später, als sie bemerkt hatte, dass Freiheit nicht gleich Freiheit war und sie nur die einen Eisenstäbe gegen die anderen Fesseln ausgetauscht hatte, weil die Entscheidung, ihren Weg zu gehen bedeutet hätte, ihn alleine zu gehen und nach all der Einsamkeit hatte sie es nicht ertragen, auch nur daran zu denken, sich wieder von menschlicher Nähe und Zuneigung abzuwenden. Faye hatte dennoch keine Antwort auf die Frage, wo sie verloren gegangen war.
Sie hätte Lyra sagen können, wen sie an ihrer Seite wollte, wusste aber auch, dass diese Aussage sie wieder in einen Kreis führen würde.
"Wie kannst du bei ihm bleiben, wenn du weißt, dass er nur kommt, wenn er es will und nicht, wenn du ... ihn brauchst?"

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"Nur dein Gewissen - und ich", stellte Eleonora seelenruhig fest und wischte mit der Hand etwas Schnee von einer Mauer, ehe sie sich darauf sinken ließ. "Du bist nicht Alisander. Nimm es von jemandem, der es wissen muss. Du könntest niemals so ... hinterhältig und bösartig sein, auch den deinen gegenüber. Bei Gott, Emerson, du bist so überhaupt nicht wie Alisander!"
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 9:42 pm
"Er ist nicht nur hier, wenn er es will. Er ist in jeder einzelnen Sekunde hier, wenn auch nicht körperlich. Er ist derjenige, der diesen Krieg mit der Kirche führt und zwar nicht, weil es ihn weiterbringt und weil es Macht bedeuten würde, sondern um meinetwillen. Damit ich eine Chance habe frei bleiben zu können - gehen zu können, wohin und wann ich es will - und damit ich keine Angst auf den Straßen haben muss, wenn mir einer der Templer begegnet. Wie ich bei ihm bleiben kann, ist einfach zu beantworten - weil ich ihn liebe", versuchte sie zu erklären und lächelte still in sich hinein.
"Es ist nicht immer einfach. Ab und an hasse ich es, dass er keine Zeit hat, wenn ich ihn brauche - dass er nicht das sagt, was ich hören will und dass er manchmal der schlechteste Mensch auf Erden ist. Ab und an glaube ich, er verdient mich gar nicht und ich solle gehen und dann fällt mir wieder ein, was er tut. Dass er Prinzipien über den Haufen wirft, dass er über seinen eigenen Schatten springt, selbst wenn wir dann nur allein sind und dass er seinen Kopf und alles, was er erreicht hat, riskiert, nur damit es ein 'Wir' geben kann. Liebe. Nicht mehr und nicht weniger lässt mich das alles aushalten und immer wieder zu ihm zurückkehren."

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"Bin ich das? Ich stehe hier und habe den Menschen, der mir am Wichtigsten ist, einfach so zur Seite geschoben. Ich hab die meinen verbrennen lassen, Eleonora!"
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 9:55 pm
Die Erklärung war so simpel und doch so ... wahr. Faye vergaß für ein paar Sekunden zu atmen, so absurd und lächerlich einfach waren die Worte, die Lyra ihr da hin warf. Sie starrte einfach nur durch die andere hindurch, völlig verloren in ihrer eigenen Welt. In ihren Erinnerungen. Bei Gott, sie konnte nicht all das Chaos ignorieren, das in den letzten Jahren geherrscht hatte, vor allem in den letzten Wochen, aber doch ... da war diese kleine, nagende Stimme in ihrem Kopf. Die Stimme, die penetranter und drängender war als die Vernunft und der Drang nach Freiheit.
Die Stimme, die ihr das Gefühl der Narben unter ihren Fingern in den Kopf schummelte, die Emerson nur ihretwegen trug. Weil er sich so weit aus dem Fenster gelehnt hatte, dass vielleicht sogar der Tod ihn hätte grüßen können.
Die Stimme, die ihr ein leises Lachen ins Ohr setzte, das nur zu einer Person gehörte und das sie so schmerzlich vermisste.
Stille senkte sich über den nächtlichen Raum, in dem das Feuer des Kamins langsam herunter brannte und zur Glut wurde und Faye richtete die Augen schließlich wieder auf die Magierin, die ihr gegenüber saß. Sie hatte vieles nicht geklärt, würde vieles noch ausdiskutieren müssen, vor allem mit sich selbst. Aber sie hatte einen Anfang - der, den es immer gegeben hatte.
Und wenn sie dort nicht mehr ansetzen konnte, dann würde sie weitersehen. Fürs erste mochte sie den Gedanken gar nicht erst zulassen.
"Ich danke dir, Lyra", flüsterte sie leise und hob die Hände der anderen zu sich, um den Handrücken der Zauberhand sacht zu küssen. Ein Zeichen der Dankbarkeit und ein altes Ritual der Magier, lange, bevor es Zirkel gegeben hatte.

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"Noch hast du nichts verloren, Em", korrigierte ihn Elli und griff sich die Schultern des anderen, weil sie es für sicher hielt, sich ihm jetzt weiter zu nähern. "Ich weiß, es wirkt so. Aber die Assassinen sind nicht deinetwegen und nicht meinetwegen gestorben, sondern weil Alisander ein Feuer gelegt hat. Es war nicht deine Schuld. Und was deine Hexe angeht ... sie ist auch noch hier. Im Schloss, das du meidest wie die Pest. Hättest du alles verloren, wäre nichts davon mehr greifbar. Die Bruderschaft in alle Winder zerstreut und Faye über alle Berge."
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Re: Kapitel 18

am Do Nov 30, 2017 10:12 pm
Zuerst noch blinzelnd von der plötzlichen Reaktion der Jüngeren blieb Lyra auf dem Boden sitzen und gab nur perplex den kurzen Händedruck zurück, nicht mehr rechtzeitig reagieren könnend bevor die Jüngere bereits aus dem Raum gestürmt war. Schließlich blieb ihr nichts weiter übrig als für sich selbst zu lächeln und sich dann von dem kalten Boden wieder zu heben, die Tür hinter Faye schließend und wissend, dass es zumindest ein Anfang war. Vielleicht war es nur das, was ihr gefehlt hatte - die Erinnerung daran, dass es nicht die eine einzige perfekte Beziehung gab - dass sie eben ihre Ecken und Kanten hatten und genau deshalb zueinander gefunden hatten, weil ihre Ecken und Kanten so wunderbar ineinander passten.

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Er wusste nicht, wie er Septim jemals wieder unter die Augen treten sollte, solange diese verfluchte Bruderschaft nicht wieder in geregelten Bahnen lief und er wollte gar nicht erst wissen, wie die anderen über ihn redeten. Wie viel sie erneut Septims Fehlentscheidungen zu Lasten legen würden und wie häufig sie von ihm fordern würden, es endlich zu beenden. Er hatte so viel Glauben in ihn gesetzt, Elli, die immer wieder aufs Neue half und für einen kurzen unfairen Moment beneidete er Aristeas darum, dass es ihm so ganz offensichtlich am Allerwertesten vorbei ging, was nur vor ein paar Tagen im einstigen Haus der Bruderschaft vor sich gegangen war.
Es war früher einmal einfacher gewesen. Einfacher zu entscheiden, was notwendig war mit nichts anderem außer dem Kredo der Bruderschaft und der eigenen Moral im Kopf. Wann hatte er sich begonnen so unsäglich viele Gedanken darum zu machen, was die anderen davon hielten? Wann, sich in alles hinein ziehen lassen, hilflos an Ort und Stelle gepinnt? Das konnte so nicht weitergehen. Sie brauchten Regeln, an die es sich zu halten galt - er war selbst Schuld, dass sie ihnen nicht gefolgt waren, wenn er sie für selbstverständlich gehalten hatte, ohne sie jemals auszusprechen.
"Verlass deine Bruderschaft, Elli, bitte", bat er sie statt erneut Proteste von sich zu geben, die ihn sich nur im Kreis drehen ließen. "Überlass es einem der anderen und komm hierher. Das, was es dort oben zu deinem Zuhause gemacht hat, ist inzwischen tot oder weg gegangen und ich will nicht irgendwann die Nachricht von deinem Tod bekommen, weil sie protestieren."
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Re: Kapitel 18

am Fr Dez 01, 2017 8:43 pm
Die Sonne des frühen Morgens schien durch die hohen Fenster des langen Ganges, durch welchen Lyra eilte und der nach einigen Abbiegungen in den Garten und somit zu dem kleinen Türmchen ihres eigenen Zirkels führte. Es war ein eisiger morgen. In der Nacht hatte es geschneit und der Schnee bedeckte die spitzen der kleinen Türmchen, die von hier aus zu sehen waren.
Der Frost hatte sich über die steinernen Mauer ergossen und kroch sogar durch die Fenster sacht ins Innere der Burg, wurde jedoch durch die Fackeln in Schach gehalten.
"Guten Morgen Lady," es war die Stimme de Veres, welcher in dem Durchgang zum Garten stand und diesen mit seiner ganzen massigen Gestalt blockierte, welche durch die Rüstung nur noch gewaltiger wirkte. "Auf ein Wort."
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Re: Kapitel 18

am Fr Dez 01, 2017 8:46 pm
Es war erschreckend, wie schnell eine einzige Stimme dafür sorgen konnte, dass alle Energie mit einem Mal aus ihr herausgestoßen wurde. Abrupt blieb Lyra stehen, spürte das Drücken in ihrem eigenen Kopf und das Gefühl, als würde die Magie sie wie ihr eigenes Element verlassen je näher De Vere kam und sie einmal mehr daran erinnerte, dass sie ihm gegenüber nicht viel mehr konnte als ihr eigenes Glas mit klarem Wasser zu füllen. Ihr Herz schlug schneller in ihrer Brust als sie sich langsam zu ihm herum wandte und ihn musterte.
"De Vere", begrüßte sie ihn kühl, scherte sich nicht um die Höflichkeit, die er von ihr selbst erwartete und hob die Augenbrauen. "Was gibt es?"
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Re: Kapitel 18

am Fr Dez 01, 2017 8:52 pm
"Oh nichts großartiges," erklärte der Templer und stieß sich von der Wand ab, während sich seine Präsenz nur noch weiter verstärkte und er die andere betrachtete. "Es ist nur - Linnea, ihr erinnert euch bestimmt, sie ist das kleine Mädchen, welches damals mit Faye fortgelaufen ist, - nun, ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen. Ihre Mutter im übrigen auch nicht, sie macht sich furchtbare Sorgen..." er lächelte nicht, während der Blick seiner Augen auf Lyra lagen.
"Wisst ihr etwas darüber?"
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Re: Kapitel 18

am Fr Dez 01, 2017 8:56 pm
"Ich habe nicht die geringste Ahnung, De Vere. Das letzte Mal, das ich das Mädchen gesehen habe, war während Ihr Euch darüber beschwert habt, dass Faye das junge Ding beschützt hat und wir darüber debattiert haben, sie solle in einen Zirkel", lautete Lyras einzige Erklärung auf die Worte des anderen und die von einem schlichten Schulterzucken begleitet wurde.
"Diesbezüglich scheint Ihr Euch also an die falsche Zauberin zu wenden."
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Re: Kapitel 18

am Fr Dez 01, 2017 8:59 pm
"Seltsam," erwiderte de Vere und schüttelte den Kopf. "Dann muss die Wache gelogen haben, die euch in das gleiche Zimmer hat gehen sehen, in welchem auf Faye und Linnea waren..." er verengte die Augen ein Stück. "Hört mir gut zu Mylady, denn das ist wichtig - ich bin hier nicht euer Feind, aber euch muss doch bewusst sein was für eine zerstörerische Kraft eine unausgebildete Jungmagierin in den Händen einer Maleficent entwickeln kann oder? Erst recht, da sie noch nicht das Ritual durchlaufen hat! Sie könnte die halbe Stadt zerstören - ganz abgesehen davon, dass die Kirche das gesamte Schloss auf den Kopf stellen wird, wenn man das Mädchen nicht findet! Sie werden auch in euren Magierturm eindringen um sie dort zu suchen und zur Not den Schutzzauber Stein für Stein abtragen!
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Re: Kapitel 18

am Fr Dez 01, 2017 8:59 pm
Eleonora erstarrte in der Bewegung. Sie hatte mit keinem Ton verlauten lassen, was in ihrer Bruderschaft so vor sich ging, hatte absichtlich die Füße still gehalten, weil Emerson sie hier brauchte und es wesentlich wichtiger war als das, was sie ständig am Rockzipfel hängen hatte. "Hat sich das also rumgesprochen, ja?", hakte sie nach, obwohl es alles andere als eine Frage war. Sie erwartete keine Antwort darauf, sondern wog die Worte und die Möglichkeiten, die Emerson ihr bot innerlich ab, während sie die Arme vor sich verschränkte und mit gerunzelter Stirn in die Ferne blickte. Die Straße war leer, weit weg dämmerte der Morgen und die Geräusche um sie her klangen gedämpft vom Schnee.
"Du verlangst viel", wandte sie sich schließlich nach einer schier endlosen Zeit wieder an Emerson und sah ihn direkt an, während sie versuchte, die Überraschung im Zaum zu halten und gleichzeitig den anderen einzuschätzen. War das die Möglichkeit, nach der sie gesucht hatte? "Und ich bin geneigt, deinem Wunsch zu folgen, Kleiner. Aber ich habe ein paar Bedingungen."
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Re: Kapitel 18

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