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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 6:39 pm
Kurz war Devastare geneigt, das Wort zu wiederholen und es mit der Zunge umher zu rollen, bis es sich endlich richtig in seinem Mund anfühlte, doch es gab absolut nichts, was ihn auf den neuerlichen Schock richtig vorbereitet hätte und gerade noch verkniff er sich die Handlung. Schwester. Es hätte ihn nicht wundern sollen, dass der König, nachdem er seinen Sohn aufgegeben hatte - unter welchen Umständen auch immer - erneut versucht hatte, ein Kind in die Welt zu setzen. Die Frage, die blieb, war, mit wem?
"Wer ist die Mutter? Soweit ich weiß, hat er nicht wieder geheiratet. Aber die Länder sind groß und Informationen reisen langsam - jedenfalls die angenehmeren. Die unschönen schaffen es erstaunlich schnell über den Kontinent."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 6:42 pm
"Er ist noch immer nicht verheiratet. Sie ist eine seiner Dutzenden von Liebschaften, Huren oder wie auch immer er sie auch bezeichnen mag", folgte die Erklärung dahinter, weil das das Ehrlichste war, womit sie ihm hatte antworten können, ohne sich selbst in eine noch unangenehmere Situation zu bringen. "Er hat das Mädchen anerkannt, was es schwierig machen wird, sie nach Ekynes zur Ausbildung zu bringen und ich weiß nicht, wie viel Zeit bleibt, bevor die Magie zu viel wird. Was deinen Vater angeht - er hat bisher niemanden gefunden, der ihm profitabel genug erschienen wäre, als dass es sich lohnen würde, wieder zu heiraten. Es gab Überlegungen aber nichts, was in die Tat umgesetzt worden wäre."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 6:46 pm
"Elaine", seufzte Devastare und war geneigt, aufzulachen vor Frust. Er ging in die Hocke, griff nach einem der Stöcke, auf denen sie zuvor gefangenen Fisch gebraten hatten und stocherte in den Flammen herum, bis das Feuer wieder aufloderte. "Bist du dir sicher, dass du auf diese Art und Weise eine wochenlange Reise mit uns gestalten willst? Dass du um alles herumredest, bis es unausweichlich wird? Ein Name ist nicht so schlimm, wie du glaubst, aber sollten wir getrennt werden, könnte er alles sein, was unser Leben rettet - vielleicht das meiner Schwester, vielleicht meines oder - nenn mich vermessen - das meiner Königin." Er war es Leid, im Dunkeln zu tappen und sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen bei all den Lügen, die ihn immer noch umgaben. Er war es einfach Leid und er hatte keine Lust, in irgendeine Falle zu geraten oder vor den Schlosstoren erst Antworten zu erhalten, die vielleicht vorher ein paar Informationen mehr bedurft hätten.
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 6:52 pm
Wochenlange Reise ... wenn sie begann die Wahrheit auszusprechen wäre sie in drei Tagen noch beschäftigt und nicht alles davon würde jemals an die Ohren dieser kleinen Runde dringen dürfen. Coreen war die Einzige, die bislang alles wusste und vor der sie nichts hatte verheimlichen müssen und selbst sie hatte sich entsprechend erschrocken über das gezeigt, was in Caria während der letzten dreißig Jahre vorgefallen war. Sie spürte den Widerwillen in sich, den Druck jenes Schwures, der sie auch an ihn band und biss sich auf die Lippe. "Deine Schwester, Kira", begann sie dann widerstrebend und schloss für einen kurzen Moment lang die Augen. Er hätte dieses Gespräch niemals anhören dürfen - hätte niemals davon etwas erfahren dürfen, bis sie in Caria ankamen.
"Sie ist meine Tochter und kehre ich nicht mit dir zurück, wird er sie dafür bestrafen."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 6:57 pm
Stille. Lange, lange Sekunden herrschte nichts als die Stille in der kalten Nacht, in der nur das knackende Feuer etwas Wärme spendete und selbst das drang gerade nicht zu Devastare durch. Er ließ den Stock sinken und stierte in die Flammen, sammelte sich. Er war Gardist - sich selbst unter Kontrolle halten und unangenehme Fragen stellen war Teil seines Lebens. Auch, wenn die Antworten ihn schon schreckten, gleich, wie sie ausfallen würden, obwohl er sie noch nicht hatte. "Ich frage es nicht gerne, aber es wird früher oder später wichtig, Elaine", begann er, deutlich leiser als zuvor und suchte ihren Blick. "Das, was dich und meinen Vater verbindet ... abgesehen von ... Kira -" Ein schöner Name, weitaus einprägsamer als das, was er mit sich herumtrug "- geschah es aus freiem Willen? Und ich meine damit keinen Auftrag, den Karsh dir gegeben hat oder einen Befehl des Königs, dem du für die Erfüllung eines Planes folgen musstest. Empfindest du etwas für ihn, was dich dazu bringen würde, dich mir in den Weg zu stellen, sollte ich aus ... Gründen eine Gefahr für ihn werden?"
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 7:04 pm
"Nein", antwortete Elaine kopfschüttelnd und schob einen ihrer Handschuhe über die Finger, um ein verbranntes Konterfei auf ihrer Haut zu offenbaren, das sich dort abzeichnete. Weit genug oben, um unter den gewöhnlichen Gewändern nicht sichtbar zu sein. "Das hier ist das Zeichen dafür, dass ich ihm gehöre. Ekynes hatte einen Hofmagier, also brauchte er dringend auch einen - ich war Karshs Schülerin, stand in seinen Augen also dem Wissen in keiner Art und Weise nach. Ich empfinde rein gar nichts für ihn und wenn es nach mir ginge, würde ich nichts lieber sehen als seinen Tod, aber ich kann ihn nicht umbringen oder ihm etwas antun, geschweige denn mich einer seiner Anweisungen widersetzen - genauso wie dem Rest seiner Linie. Er ließ mich vor dreißig Jahren schwören, weil ich aus Ekynes kam und ich war naiv genug, um es für den Plan zu tun - das ist das Einzige, worauf du dich vorbereiten musst, falls du etwas gegen ihn unternehmen willst."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 7:09 pm
"Versprechen sind bindend", seufzte Devastare gedankenverloren und betrachtete das Mal, das sich dort auftat, mehr zu sich selbst sprechend als zu Elaine. Er streckte die Finger aus, umfing ihr Handgelenk und drehte das Brandmal, bis er es in den Flammen besser sehen konnte. Nur kurz erlaubte er es sich, in das Gesicht der Magierin zu sehen, die ihm gegenüber saß und riss sich zurück in die Wirklichkeit. Er bedrängte sie zu sehr und es war ihr unangenehm. Sanft griff er nach ihrem Ärmel und zog ihn zurück über die markante Stelle, sie aus seinem Griff entlassend, um ihr die Möglichkeit zu geben, so viel Abstand wie sie wollte zwischen sich und ihn zu bringen. "Gibt es eine Möglichkeit, außer seinem Tod, dich von dem Versprechen zu entbinden? Galt es direkt ihm? Wenn du sagst, du bist auch seiner Linie zur Treue verpflichtet - vielleicht kann ich etwas tun?" Es behagte ihm nicht, dass sie so von seinem Vater abhängig war, nicht nachdem, was er gehört hatte.
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 7:17 pm
"Solange wie er die Krone trägt, bin ich ihm verpflichtet. Solange bin ich gezwungen immer wieder zurück nach Caria zu kehren, ob ich will oder nicht und er wird diese dämliche Krone nicht einfach weglegen. Dein Vater ist ein ehrgeiziger Mann, dem es darum geht, Ruhm und Macht anzuhäufen und ... er ist streng. Er bestraft jene, die ihn verraten ohne Gnade und es interessiert ihn auch nicht, ob er ihnen vorher vertraut hat oder nicht, aber er ist nicht Morys und tut das nur, weil er Gefallen daran hat. Wenn du dorthin gehst, wenn du Winterbroke betrittst, ist das Letzte, was du tun darfst, davon zu sprechen, dass du nicht dieselben Ziele hast wie er", versuchte sie ihm zu erklären, weil es wichtig werden würde ihn dort oben am Leben zu halten.
"Er hasst Ekynes mit jeder Faser seines Körpers und findet er heraus, dass du ausgerechnet die Königin dieses Landes mitgebracht hast, wird er sie umbringen. Glaubt er, du stündest auf ihrer Seite, wird er versuchen dich zu brechen bis du ihm gehorchst. Findet er das zwischen euch heraus - dann mit ihr, wenn du widerspenstig genug bist. Das hat er mit Kira getan, als ich nicht gespurt habe."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 7:25 pm
Dann wäre es vielleicht besser, sie gar nicht erst dorthin mitzunehmen, schoss es Devastare durch den Kopf, ehe er sich auf einen der Felsvorsprünge sinken ließ, die Unterarme auf den Knien aufgestützt und die Hände ineinander gelegt. Er spürte die schwielige, raue Haut, die das jahrelange Training mit Schwert und Feuer dort hinterlassen hatte und wünschte sich, er hätte von all dem viel früher erfahren und könnte mehr, als das, was er beherrschte. Er fühlte sich - zum ersten Mal in seinem Leben - wirklich schlecht vorbereitet für irgendetwas. Wohin konnte er Caillean gefahrlos bringen? Zurück zu Morys war keine Option. In Loviel würden sie am ehesten nach ihr suchen und sonst? Sie hatten viele Verbündete, aber jemanden darin zu finden, dem man das Leben einer Königin anvertraute, bis die Gefahr gebannt war, das war schon viel schwieriger. Aber in Caria war sie wie auf dem Präsentierteller und Devastare hatte bereits jetzt Angst davor, sie dort nicht ausreichend schützen zu können. 
Diese Angst war es auch, die ihn verstehen ließ, was Elaine dazu trieb, sich zu zügeln. Die Angst um einen geliebten Menschen und nicht so sehr die eigene Bestrafung, die einem drohte. Devastare fragte gar nicht erst, warum sie glaubte, da wäre etwas zwischen ihm und Caillean - es war offensichtlich, so, wie sie miteinander umgingen, sobald sie das Schloss hinter sich gelassen hatten. Doch die nagenden Zweifel blieben, trotz seiner nun offenkundig royalen Herkunft. 
Müde rieb er sich über die Stirn und lehnte sie schließlich in die Kuhle zwischen Daumen und Zeigefinger. Es war so einfach gewesen, nur Devastare zu sein. Der Gardist, der von Karsh als Schüler aufgenommen und großgezogen worden war.
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 7:30 pm
"Wenn du willst", begann Elaine nach einer Weile und stand von ihrem Platz nahe des Feuers auf, um zu ihm hinüber zu treten. Um das zu verhindern mussten sie allerdings erst einmal nach Caria. "Es gibt eine Möglichkeit, wie wir das alles verhindern können. Morys, dein Vater, deine Identität als Mitglied einer königlichen Familie. Ich will mir nicht vorstellen, wie grausam es sein muss, das alles jetzt zu erfahren und damit umgehen zu müssen und ich wünschte, ich könnte dir diese Entscheidung abnehmen, wer du sein willst, aber das kann ich leider nicht. Also frage ich dich das Einzige, was dich wahrscheinlich noch niemand gefragt haben wird - was willst du in dieser ganzen Angelegenheit? Willst du der sein, als der du geboren bist oder der, der du jetzt gerade bist?"
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 7:39 pm
"Ich werde niemals jemand anderes sein, als der, der ich bin", gab Devastare schlicht zur Antwort, ohne groß herum zu drucksen, aber mit einem sachten Lächeln. Er hätte gerne gesagt, dass, solange er jemandem helfen konnte, er alles tun würde, was nötig war, doch es wäre schlicht gelogen gewesen. Er hatte - wie alle Menschen auch - einen Kreis an Personen, der sich nur selten veränderte, für den er alles tun würde. Und bei den Göttern, er war nicht umsonst Gardist, wenn er nicht genau wusste, dass er alles für diese Menschen tun würde, ohne Rücksicht auf Verluste. Doch wie groß würden die Verluste werden? Konnte er das dann noch mit sich vereinbaren? 
"Niemals habe ich mich als König gesehen." Nein, nicht einmal in Tagträumen, wenn er sich fragte, ob Caillean und er eine Zukunft hatten. "Aber die Götter scheinen wohl mehr für mich bereit zu halten, als ich dachte. Aber ... der Vollständigkeit halber. Erzähle mir, was du sagen wolltest."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 7:44 pm
"Es gibt eine Möglichkeit zu dem Moment zurück zu reisen, bevor Morys das Schloss übernommen hat und das alles seinen Anfang genommen hat. Es gibt die Möglichkeit ihn aufzuhalten, um zumindest dieses Schicksal irgendwie abzuwenden, aber wir brauchen dafür Zeit und Hilfe. Das ist nichts, was wir in einer Nacht tun können und wir brauchen dafür ein paar Zutaten, die in Winterbroke sind. Eigentlich ... hatte ich einen Teil des Zaubers vorbereitet, um zu verhindern dort oben jemals festzustecken aber dann wärst du dort geblieben und hättest seine Erziehung genossen. Ich kam nie so weit um diesen Zauber umzusetzen", sagte sie und dachte darüber nach, was sich geändert hätte, wenn sie es geschafft hätte. Kira hätte niemals existiert, das Reich wäre noch immer in Gefahr und Caria stärker und mächtiger als jemals zuvor. Sein Vater mit dem prophezeiten Sohn an der Seite.
"Wenn du willst, dann kannst du die Zutaten und den Zauber haben - ich habe dafür nur eine einzige Bitte. Bring Kira nach Ekynes und in Sicherheit."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 7:46 pm
"Was wäre mit dir?" Das klang so ... endgültig und einsam, dass in Devastare alle Alarmglocken läuteten.
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 7:53 pm
"Ich hab es dir gesagt - mich hält meine eigene Dummheit dort oben fest. Selbst, wenn ich eine Weile lang dort bleiben kann - ich würde ja doch wieder zurückkehren, weil ich geschworen habe und auch das Problem mit deinem Vater wird sich nicht einfach so auflösen, aber es kann euch zumindest die Luft geben einen sicheren Rückzugsort zu haben, von dem aus ihr agieren könnt und du wüsstest Bescheid und könntest dich vorbereiten", erklärte sie nur schief lächelnd und hob die Hand, bevor Devastare etwas erwidern konnte.
"Eines solltest du über Caria noch wissen. Dein Vater nahm denselben Handel mit den Göttern an, wie Ekynes. Solange wie die Blutlinie auf dem Thron sitzt, wird es dem Land gut gehen - stirbt sie aus oder gibt es keinen Nachfolger für den Thron verliert das Land die Gunst der Götter. Ohne Erben leiden die Bauern und alle anderen."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 8:07 pm
Seine Schwester im Gegenzug zu einem anderen Mündel von Karsh, dem Magier, der für ihn wie ein Vater war und auf dessen Instinkt er all die Jahre hatte vertrauen können, abgesehen von diesem verdammten Ausrutscher zuletzt? Irgendetwas daran schien ihm so falsch ... genauso falsch, wie Caillean in der Hochzeitsnacht Morys zu überlassen. Er hatte nicht mehr tun können, als ihr die Phiole dazulassen, die immerhin verhindern würde, dass sich ein Erbe dieses Widerlings in der Königin einnisten konnte und ihr nur noch mehr Kopfzerbrechen und Scham bereitete - ansonsten begleitete ihn nur die Übelkeit und das Gefühl, versagt zu haben, wenn er an diese Nacht zurück dachte und dummerweise tat er es oft. Viel zu oft. Cailleans Gesichtsausdruck in diesem Moment ... der Schmerz - die Bloßstellung, selbst vor ihm ... gerade vor ihm. Ihre Bewegungen all die Tage und Wochen danach und ihre Art, es herab zu spielen. Der Hass, der in ihm schwelte, ängstigte ihn so sehr, dass er ihn für sich behielt und niemandem auch nur einen Ton davon sagte. Ja, es klang verlockend.
Natürlich wollte er Morys aufhalten, doch Elaine dem gleichen Schicksal weiterhin guten Gewissens zu überlassen, das für eine unbestimmte Zeit zu durchleben? Sie der Schmach auszusetzen, ganz ohne jemanden an ihrer Seite und nur einer Tochter, für die sie alles tun würde, damit es ihr verständlicherweise gut ging?
"Ich kann es nicht", sagte er schließlich nur und als er ihren Gesichtsausdruck sah, schüttelte er den Kopf. "Caillean ist nicht bei Morys, aber du wärst bei Thealon - und es wäre nicht Recht. Das war es all die Jahre nicht und niemand hätte es je von dir verlangen dürfen. Auch Karsh nicht." 
Es war merkwürdig, wie dieses Gespräch hier sein ganzes Weltbild aus den Angeln hob, als er kurz zurück auf Caillean sah, die sicher und ruhig ein paar Meter hinter ihm schlummerte, dann zurück zu Elaine, die er erst so kurz kannte und der gegenüber er trotzdem so etwas wie Verständnis und Mitgefühl, vielleicht sogar so etwas wie einen Funken Freundschaft empfand. Die Wege der Götter waren oft verschlungen und wirr, folgten keinem erkennbaren Muster und Devastare hatte gelernt, sich auf diesen Wegen treiben zu lassen, bis er sah, was er aktiv tun konnte, um die Richtung mitzubestimmen. Das hier war so eine Flut, in der er einfach nur den Bewegungen nachging, die ihn zu neuen Ufern spülten. 
Sanft drückte er Elaines Schulter, während er aufstand. "Wir finden einen anderen Weg."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 8:17 pm
Selbst Karsh nicht. Seine Worte hallten für einen Moment lang in ihren Ohren nach und langsam schloss Elaine die Augen, während sie an das dachte, was Karsh und sie verband. Sie hatte ein seltsames Talent dafür ausgerechnet an jene zu geraten, die ihr nicht unbedingt zugetan waren - sei es nun Karshs schroffe Ausbildungsmethoden, seine Offenbarung, die sie dazu gebracht hatte Hals über Kopf ihre eigene Heimat zu verlassen und der Auftrag, der sie später nach Caria geführt hatte. Sich um den König zu kümmern, war die einzige Gelegenheit dafür ihrer eigenen Heimat etwas zurückgeben zu können und dem kleinen Kind, das sie der Mutter geraubt hatte, ein Leben in Freiheit und eigener Entscheidung zu ermöglichen. Sie erinnerte sich an die großen Augen, die sie angesehen hatten, die kleinen Fingerchen, die nach ihr gegriffen hatten als er sich endlich beruhigt hatte - wenn sie jetzt hier saß und den Mann sah, der aus diesem kleinen Baby geworden war, das sie einst aus Caria fortgebracht hatte, dann wirkte es ein wenig befremdlich.
Zwischen diesem seltsamen Gefühl regte sich ganz sacht so etwas wie Stolz darauf, was aus ihm geworden war. Stolz, wenn sie daran dachte, vielleicht nur einen Funken dazu beigetragen zu haben, dass er jetzt so anders war wie sein Vater. Dass er nicht über Leichen ging, um etwas zu erreichen. "Wie war dein Leben?", fragte sie schließlich, um die bedrückenden Themen hinter sich zu lassen. "Ich habe dich zuletzt gesehen, als du nicht einmal aufrecht sitzen konntest."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 9:10 pm
"Gemessen an was?", fragte er sacht nach, zuckte dann aber mit den Schultern und ließ einen Funken über die Holzscheite tanzen, immer wieder im Kreis um das Feuer herum, dem er mit den Blicken folgte, bevor er zu sprechen begann. "Mein Leben war ... im Durchschnitt ein gutes, würde ich sagen. Kein Hunger und immer ein Dach über dem Kopf. Karsh und ich hatten selten Streitigkeiten, aber er war ein strenger Lehrer, vor allem zu mir. Er hieß es nicht gut, mich als Gardisten ausbilden zu lassen, aber mein Entschluss stand so fest, dass ich mich heimlich zu den Trainingseinheiten geschlichen habe. Irgendwann hat er nachgegeben - inzwischen verstehe ich, wieso er dagegen war." Eine Weile schwieg er, schüttelte mit einem sanften Lächeln den Kopf, ganz in der Erinnerung. "Ekynes ist ein gutes Land. Voller Leben und Freude - wenn man sie zu sehen weiß. Es gibt immer irgendwo Hoffnung." Er lachte leise und heiser auf. "Das klingt alles sehr verklärt, ich weiß. Wir haben einen Krieg, der seit Jahren bis nach Caria hin wütet und auch wir hatten trotz des Göttersegens schlechte Jahre und Katastrophen. Karsh und ich haben mehr Türen geknallt, als alle anderen Bediensteten im Schloss zusammen und die Sterne für die Frau, die mir am Herzen liegt und mir stehen denkbar schlecht."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 9:18 pm
Elaine lachte nur leise als sie seine letzten Worte hörte. "Weißt du ... ich bin damals von Karsh ausgebildet worden, auch wenn er damals noch ein anderer Mann war als der, den du jetzt kennst. Ich habe nicht viel von ihm mitnehmen können, weil ich zu stolz war auf viele seiner Weisheiten zu hören und es gibt Dutzende von Dingen, die ich bereue nicht getan zu haben ... Wenn ich dir etwas mit auf den Weg geben darf, Devastare, dann ist es - wenn du etwas tun willst, dann tu es jetzt. Warte nicht. Du weißt nicht, ob die Gelegenheit vorbei ist, wenn du lange genug darüber nachgedacht hast. Bereue nichts, was du getan oder entschieden hast - es hat dich zu demjenigen gemacht, der du jetzt bist. Ich kenne dich nicht lange und wahrscheinlich nicht einmal so gut, wie ich sollte, um das zu sagen, aber ich glaube, du bist gut so wie du bist."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 9:25 pm
Er war kein Mann, der viele Selbstzweifel mit sich herumschleppte - jedenfalls neigte er nicht unbedingt dazu, im stillen Kämmerlein zu sitzen und über verschüttete Milch zu grübeln, auch, wenn die letzten Tage an ihm gezehrt hatten - aber Elaines Worte taten gut. Sie mochte niemand sein, der ihm Anweisungen zu geben hatte oder gar Ratschläge, aber dieser eine war einer, den er nur zu gerne befolgte. 
"Vielleicht steht es mir nicht zu, dir ebenfalls einen Rat zu geben", fing er schließlich leise an und stieß sich von der Wand ab, an der er eben noch gelehnt hatte. "Altersunterschied, die Lebenserfahrung ... was weiß ich, was höfische Etikette sonst noch für alberne Dinge findet. Aber auch, wenn man glaubt, sein Leben nicht in der Hand zu haben, weil man sich etwas verpflichtet hat, dann sollte man sein Herz niemals außen vor lassen und verschließen. Die Menschen, die davon profitieren könnten, sind es wert, diese Erfahrung machen zu dürfen, mag sie auch nur kurz andauern. Und man selbst kann diese warmen Momente brauchen - irgendwann. Genau dann, wenn alles ausweglos scheint." Er wandte sich ab, hinein in die Dunkelheit und zu der Schlafstätte hin, in der die Königin ruhte, die er seit so vielen Jahren schützte und spürte die Hitze seines Elementes im Rücken. "Ich wünsche dir eine gute Nacht, Elaine. Mögen die Götter mit dir sein."
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Re: Kapitel 1

am Mo Jan 01, 2018 9:31 pm
Er war so eindeutig Karshs Lehrling, dass ihr nichts anderes übrig blieb als erneut leise darüber zu lachen und den Kopf zu schütteln. Seine aufmunternden Worte, die Hoffnung, die darin mitschwang und die ihr mitteilte, wie viel Kraft dort noch übrig war - verborgen hinter den Dutzenden von Gedanken, die ihn früher oder später überschwemmt hätten. Er würde ein guter König werden, wenn er dieses Amt annahm - würde jemand sein, der in den Geschichten auf ewig am Leben bleiben würde, wenn er sich dafür entschied - wenn nicht, dann würden diejenigen, die überlebten ihn in ihrer eigenen Erinnerung am Leben halten. Prophezeiungen waren stets ein seltsames Ding gewesen, Kinder eben jener Vorhersagen noch viel mehr und schmunzelnd beobachtete sie, wie er auf seine Schlafstätte kroch, sich dort unter den Decken einhüllte und die Augen schloss, während sie selbst am Feuer sitzen blieb, einen kurzen Blick zurück zu Foster werfend, aber der schlief noch immer seelenruhig.
Sie war gespannt darauf, wie Devastares Leben weiterging - gespannt darauf, was sie würde beobachten können.
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Re: Kapitel 1

am Di Jan 02, 2018 12:21 pm
Der Morgen begrüßte Foster mit einer eisigen Windböe, die einige Schneeverwehungen in sein Gesicht schlug und ihn so mit einer beeindruckenden Präzision zu wecken vermochte.
Japsend rang er nach Luft, spuckte ein wenig von dem Schnee aus und rieb sich den Rest des weißen Wunders aus den Augen um wieder etwas sehen zu können. Ihm war furchtbar kalt, seine Glieder steif gefroren und das Feuer kaum mehr als eine glimmende Glut.
Sein ganzer Körper tat ihm weh, wenngleich auch nicht mehr ganz so schlimm wie am Abend zuvor, doch seine ganzer Kopf fühlte sich seltsam Taub und geschwollen an. "Verfluchte Scheiße..." murrte er, während die Erinnerungen der vergangenen Nacht ihn wieder einholten. Königin, Entourage - und dann nichts mehr. Es musste ein schlimmer Traum gewesen sein, doch als er sich halb umwandte und die versammelte Mannschaft in Decken vorfand seufzte er tief und ausdauernd. "Verflucht."
Doch kein Traum.
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Re: Kapitel 1

am Di Jan 02, 2018 12:30 pm
"Einen guten Morgen auch dir", begrüßte Devastare, als er merkte, dass der Offizier sich unter seine Decken regte. Er hatte selbst Feuerholz gesammelt und war gerade dabei, es aufzuschichten, damit sie sich noch wärmen konnten, ehe es weiterging, doch das Schneetreiben machte ihm die Arbeit nicht leicht. Er hatte mit Magie nun alle Holzstücke vorgetrocknet, um zu große Rauchentwicklung zu vermeiden und hoffte nun, es war genug. Elaine und Coreen hatten sich eine Ecke an der Felsmauer gesucht und nicht zum ersten Mal war ihm aufgefallen, dass die Soldatin die einzige war, die in der Nacht die Decken halb von sich geworfen hatte. Jeder andere wäre erfroren, nur sie wirkte angenehm entspannt. Elaine als auch Caillean waren unter ihrem jeweiligen Deckenhaufen nur noch anhand von dunklen Haaren zu erahnen und auch nur durch Locken und glatte Strähnen zu unterscheiden und Gawain schnarchte friedlich am Eingang zu der ... Höhle, wenn man es so nennen wollte. Typisch derjenige, der die anderen als schutzbedürftig ansah. 
Die Flammen züngelten an den trockenen Ästen nach oben, zischten und spuckten Funken, als wollten sie ihrer Aufgabe entgehen und setzten sich dann doch ans Werk, die Rinde anzufressen, danach das darunter liegende Holz. Devastare stand auf und wühlte in einer der Satteltaschen herum, dann reichte er dem Mann einen Trinkschlauch und ein Stück Brot.
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Re: Kapitel 1

am Di Jan 02, 2018 12:34 pm
Foster nahm das karge Frühstück dankbar an, knabberte an diesem, während er das karge Feuerchen betrachtete, dass Devi da entfacht hatte. "Darf ich?" fragte er leise und ging in die Knie, öffnete seine Gürteltasche und warf ein getrocknetes, rotes Kraut ins Feuer welches in einer Stichflammer verbrannte und das Feuer ordentlich entfachte. "Matrosenfreund," erklärte er in Devis Richtung. "Der passende Name für solch eine Pflanze - nasses Holz ist auf dem Meer immer ein Problem..." er stocherte noch kurz in den Flammen, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Gardisten richtete.
"Ihr seid also auf der Flucht vor dem neuen König?"
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Re: Kapitel 1

am Di Jan 02, 2018 12:36 pm
Was brachte es noch, zu lügen? Gestern Nacht noch hatte er Elaine dafür gescholten, es wäre unrecht, jetzt das Gleiche mit dem Mann vor ihm zu beginnen. Er ließ das Kraut unkommentiert stehen, hatte die Magie nicht zu sehr in den Vordergrund stellen wollen und wollte es auch jetzt noch nicht. Stattdessen wandte er sich der nächsten Frage zu, die er gestellt bekam. 
"Das sind wir. Mehr oder weniger."
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Re: Kapitel 1

am Di Jan 02, 2018 12:40 pm
"Da habt ihr euch ja die richtige Jahreszeit für ausgesucht. Kaum Möglichkeiten zu Jagen, die Straßen sind matschig, verschneit oder zuweilen sogar mit Eis bedeckt und jeder Irre, der diese Zeit zum Reisen nutzt macht sich schon gleich irgendwie verdächtig..." erklärte er leise, wenngleich auch Besorgnis in seiner Stimme mitschwang. "Habt ihr einen Plan? Einen der mehr beinhaltet als einfach immer weiter zu laufen und zu hoffen, dass ihr nicht aufgegriffen werdet?"
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Re: Kapitel 1

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