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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 9:59 pm
"Sei still, Elaine", bat Eoren sie nur, während er die Verbindungen neu knüpfte, die sie verloren geglaubt hatte. Hier, direkt an seinen Baum gelehnt konnte er das viel besser als bei ihren Treffen im Schloss. "Du bist hier in Sicherheit. Lass los."

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"Selbst, wenn ich es könnte, Kira - die Wachen oben würden eine andere Geschichte erzählen. Gibt es einen anderen Weg hier hinein? Einen, den sonst niemand kennt? Und wir brauchen nicht nur einen Heiler. Gawain muss fortgebracht werden, in Sicherheit. Man kann nicht alle Leute mit Drohungen ruhig stellen."
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:13 pm
"Es gibt ein paar Gänge, durch die wir ihn bringen können und die nach draußen führen. Einer direkt zu einem kleinen Platz mitten im Wald. Sie entsorgen darüber die Leichen und werfen sie den Tieren draußen vor, um den Wald und die Natur zu ehren", antwortete Kira hastig und drehte sich noch einmal über die Schulter zurück zu dem Gang, weil es immer später wurde und sie insgeheim darauf hoffte, dass es bislang noch niemandem aufgefallen war, dass sie noch nicht einmal in ihrem Bett lag. Sie hoffte inständig auf die Verschwiegenheit ihrer Zofe. "Ich kenn die Gänge, aber ich werde ihn nicht tragen können, dafür ist er zu schwer. Du musst dich nur schnell entscheiden - wir haben nicht mehr viel Zeit, bevor jemand Verdacht schöpft und Vater ruft."

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Loslassen klang so furchtbar einfach aus seinem Mund und trotzdem fiel ihr niemals etwas Schwerer als die Dinge loszulassen, die hinter steinernen Mauern auf sie warteten. Unter ihren Füßen spürte sie das warme Gras, das es eigentlich hier nicht geben sollte, hörte dem Rauschen des Windes in der Baumkrone zu und wäre allein dabei am Liebsten in Tränen ausgebrochen, weil es so weit fort war und sie nicht einmal danach greifen konnte. Oberon hatte nichts gegen Thealon getan, selbst als er sie an seine Seite gezwungen hatte, hatte Oberon Bund um Bund mit ihm gefestigt - es war Karshs Befehl, der sie hierher gebracht hatte und sie hasste den alten Mann noch immer dafür, der genau gewusst hatte, was sie hier erwarten würde. Wut fraß sich durch ihre Adern, loderte wie Feuer darin als sie darüber nachdachte, was er in Kauf genommen hatte, nur um seine eigene Heimat zu retten. Tochter hatte er sie einst genannt, Schülerin irgendwann später - heute war es nur noch Elaine.
Dem Zorn folgte die Angst vor dem, was der morgige Tag bringen würde - die Angst um ihre Kinder dort inmitten des Schlosses, die sie nicht mehr schützen konnte und die vielleicht niemals ihre eigenen Wurzeln kennen lernen würden, wenn sie weiterhin dem Pfad ihres Vaters folgen würden. Es war schwer etwas zu finden, das nicht wieder und wieder dieselben Emotionen hervor gerufen hätte - sie nicht ständig zwischen Selbstverachtung, Hass und Angst schwanken ließ aber irgendwann zwischen alledem fand sie den Punkt.
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:18 pm
"Da bist du", stellte Eoren mit einem sachten Lächeln fest und legte den Kopf schief, ihre deutlich entspannteren Züge musternd. "Greif nach dieser Kraft. Mach sie dir wieder zu eigen. Du bist nicht nur der Spielball des Königs oder seine Hure." So hatte er sie nicht kennengelernt. Die Zeit veränderte Menschen deutlich, auch die Halbfee hier vor ihm und doch war sie ein gänzlich anderer Mensch gewesen. Frei. Ungestüm. Stur. All das hier war nur eine Schicht um Schicht sorgsam gewickelte Bandage, um diese Züge zu schützen. 

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"Ich trage ihn", entschied Devastare und hoffte einfach nur, dass sein Bein und seine Schulter mitmachten. "Das hier ..." er fischte in seiner Tasche nach dem Fläschchen, das Elaine ihm gegeben hatte und drückte es Kira in die Hand. "Wir müssen das den Wachen geben. Das gibt uns etwas Zeit. Keine Angst, es bringt sie nicht um."
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:23 pm
"Und wie soll ich das machen? Zu ihnen hingehen und sagen - hey Jungs - was zu trinken?", hakte Kira nach und schielte vollkommen irritiert auf das kleine Fläschchen in ihren Händen, von dem sie beim besten Willen nicht wusste, wie sie es am besten in die Getränke der Wachen bringen sollte.
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:26 pm
Er hätte Magie anwenden können ... aber dann ging ihm auf, die dumm der eigentliche Plan war. 
"Hör zu, ich sorge für Lärm, bleibe hier sichtbar - sie müssen kommen und die leere Zelle dort hinten inspizieren." Rasch griff er nach der Flasche und ließ sie wieder in seiner Tasche verschwinden. Das alles war so vertrackt und übereilt, dass ihm der Kopf schwirrte und die Hände schwitzig wurden. "Dann ... zeigst du mir, wie fähig du bist, einen Mann bewusstlos zu schlagen und wir verriegeln die Tür."
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:30 pm
Kira musterte ihren Bruder skeptisch, nicht gänzlich überzeugt von dem Plan, aber schließlich nickte sie langsam. Sie begriff nicht, wie es ihm gelingen sollte in einer leeren Zelle für Lärm zu sorgen, aber alles, was ihr hier übrig blieb, um die arme Seele zu retten, war ihm zu vertrauen. "In Ordnung", nickte sie das ganze schließlich trotzdem noch einmal ab und bewegte sich zumindest soweit, dass sie eine Fackel aus der Verankerung rausziehen konnte, um sich damit zu bewaffnen. Die Wachen durften keinen Lärm machen, dafür durften sie aber auch später nicht mehr aufwachen - sie besaß einen Dolch, der musste reichen, um zumindest einer Wache den Garaus zu machen.
"Los gehts."
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:32 pm
Ein letztes Nicken, dann drehte Devastare die Hand in Richtung der leeren Zelle ganz hinten im Trakt. Rumpeln und Schläge gegen die Eisentür setzten ein, laut und wie von einem Gefangenen, der nach draußen wollte. "Hol sie."
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:36 pm
Kira schluckte und atmete noch einmal tief durch, bevor sie demonstrativ rüber zu der Zelle trat, aus der der Lärm zuvor gedrungen war. Sie würde gleich rufen müssen und sie konnte nur hoffen, dass es nur zwei Wachen sein würden, die hierher kamen, wenn sie nach ihnen rief. "WACHEN!", tönte ihr Schrei nur wenig später durch die Kerkerflure. Über die Magie würde sie Devastare noch einmal später ausfragen müssen, wenn sie das Leben seines Freundes gerettet hatten und selbst wieder in Sicherheit waren.
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:41 pm
Es waren drei Männer, alle drei keine grobschlächtigen, tumben Kerle wie man sie sich im Klischee meist vorstellte. Einer schien um die vierzig, einer um die dreißig und einer gerade erst in den Dienst gekommen zu sein. Alle verhielten sich jedoch zivilisiert und spielten auf dem Tisch vor sich in aller Ruhe Karten. Optisch brach keiner aus der allgemeinen Norm des Hofs. Der eine hatte schulterlange Haare, dem anderen, ältesten fielen sie bereits hier und da aus. Doch nichts hätte darauf hingedeutet, dass sie in irgend einer Art und Weise besonders waren. Und genau das schätzten sie an diesem Beruf. Die damit meist verbundene Ruhe, da die meisten Gefangenen recht schnell erkannten, dass man sie besser behandelte wenn sie nicht permanent schrien oder nach Aufmerksamkeit bettelten. Der Schrei den sie nun jedoch hörten und der sie dazu veranlasste mit gezogenen Dolchen, Messern und Äxten aufzuspringen, war jedoch anders als die der wenigen, uneinsichtigen Gefangenen. Und eben deswegen rannten sie, im ersten Moment nichts ahnend, in ihr Verderben.
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:43 pm
"Hier hinten!", kam es von Devastare, der mit der Hand, mit der er keine Magie wirkte, auf die Tür deutete, die ihm gegenüber war. "Fing gerade an", fügte er schulterzuckend hinzu und mühte sich, eine unbeteiligte Miene zu machen, die nicht verriet, dass die drei schon innerhalb der nächsten Minuten tot sein würden.
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:45 pm
Zwei der drei Wächter sprangen direkt in die Zelle. Der erste und Älteste blieb mit erhobener Axt vor Devastare stehen und musterte diesen mit immer stärker werdendem Argwohn. Derweil sahen sich der Jüngste und der Mittlere fragend in der Zelle um. „Was treibst du hier?“ Hakte der alte Wächter argwöhnisch nach.
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:49 pm
Devastare hatte nicht mehr damit gerechnet, aber er war schnell genug - ein schmerzhafter Ausfallschritt nach vorne links, direkt unter die Axt, so dass er sie neu justieren hätte müssen, um ihn zu treffen, während er seinen Dolch von unten in den Hals des Mannes stieß. So schnell er konnte fing er den anderen auf und stieß ihn in die Zelle, wo Kira sich mit den anderen beiden abmühte - oder jedenfalls einem davon. Rasch war Devastare wieder auf den Füßen, packte sich den, der gerade Kira von hinten gegriffen hatte und mit dem Gesicht voraus gegen die Wand stieß an der Schulter und riss ihn zurück, ihm in der Bewegung ein Bein stellend und ihn zu Boden befördernd. 
Er wartete nicht auf Gebrüll und Geschrei, nicht auf Gegenwehr und zog den ohnehin schon blutigen Dolch über die Kehle des Mannes, Reue in sich spürend, weil sie absolut nichts dafür konnten und nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Aber Gawain war ihm wichtiger. 
Er kam nicht umhin sich zu fragen, wie viel von Thealon wohl in ihm steckte, wenn er kaltblütig Wachen umbrachte, aber so schnell wie der Gedanke gekommen war, so schnell verschwand er auch wieder. 
"Kommst du klar, Kleines?", fragte er betont ruhig und sah zu Kira hin. Sie war kein Kind mehr, definitiv nicht - und sie war eine Kämpfernatur.
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:53 pm
Götter - warum nur hatte sie sich ein Kleid ausgesucht statt den üblichen Hosen, mit denen sie sonst abseits von offiziellen Terminen unterwegs war? Sie wusste es nicht mehr als sie die Fackel über den Kopf hob, um sie dem Jüngsten von ihnen über den Kopf zu ziehen. Er ging mit einem dumpfen Poltern zu Boden und ließ ihr gerade noch die Möglichkeit, sein Schwert zu greifen, bevor der andere zum Angriff überging, im Halbdunkel ganz offensichtlich nicht erkennend, wen er da eigentlich vor sich hatte. Die Ärmel ihres Kleides blockierten sie, die Nähte am engen Stoff hielten sie davon ab, sich wie üblich zu bewegen und immer wieder stolperte sie beinahe über den ohnehin feucht gewordenen Saum ihres Kleides, das zwar hübsch aussah, aber alles andere als praktikabel war. Umso dankbarer war sie jetzt, dass Devastare eingriff und sie vor dem fatalen Hieb von hinten rettete und knapp nickte sie ihm als Antwort auf die Frage zu.
Wortlos beugte sie sich zu dem Jüngsten hinab und stieß den eigenen Dolch von hinten in den Hals des bewusstlosen Mannes, bevor sie sich wieder aufrichtete. "Danke", ließ sie nur schnell verlauten bevor sie sich umwandte und zurück zu der ältesten Wache hastete, mit dem Dolch seinen Gürtel aufschneidend, um den Bund mit den Schlüsseln davon abzuziehen. "Komm schon", forderte sie ihn auf, gar nicht genauer darüber nachdenken wollend, dass sie da eben kaltblütig einen Mann ermordet hatte. "Beeilen wir uns."
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 10:55 pm
"Schließ die Tür ab - ich befreie Gawain", befahl er ihr rasch und rannte zurück zu der anderen Tür, die bisher noch nicht wieder abgeschlossen wurde. "Planänderung!", keuchte Devastare und ging neben dem anderen in die Hocke. "Du hast die Wahl - Schlafmittel oder der brutale Weg?"
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 11:01 pm
Gawain war bereits wieder in einen halben Schlaf abgewandert, welcher ihm leider nicht vollkommen den Eindruck von seiner Umgebung und von der Kälte nahm. Aus diesem Halbschlaf wurde er jedoch unmittelbar und plötzlich gerissen, als erneut Devastare in der Tür stand. „Was?“ Er blinzelte und fühlte, wie nun, da er erneut sprach, Galle in seinem Hals hochstieg und Übelkeit aufkam. Sein Körper war das viele Reden nicht mehr gewohnt und eine erneute Belastung schien gewisse Reflexe in seinem Körper auszulösen. „Du“, er schüttelte den Kopf und gab es auf, mitdenken zu wollen. „Wenn du mir irgendein Schlafmittel gibst, bin ich höchst wahrscheinlich Tod. In meinem Zustand etwas Schmerzlinderndes zu nehmen ist nicht gerade klug. Wenn du es raus ziehen willst“, er beugte sich kurz nach vorn und betastete seine tote, angenagelte Ferse. „Dann tu es.“
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 11:04 pm
"Wollen ist nicht die Frage, Gawain ... aber ich lasse dich keinen Tag länger wegen mir hier unten. Zumal ich dir nicht garantieren kann, dass ich auf Thealons Befehle höre ... du kennst mich. Ohne dich wäre ich längst aus der Garde geflogen", redete Devastare weiter, nicht nur, weil er unglaublich nervös war, sondern auch, um Gawain abzulenken. Ratschend riss er ein Stück von seinem Hemd ab, stopfte es Gawain in den Mund und sah ihn entschuldigend an. Aber schließlich brachte alles nichts. Er würde die Ferse von den Nägeln schnell befreien müssen und der einzige Weg - nachdem er vergeblich die Nägel versucht hatte, mit den Händen zu greifen - würde der Einsatz von Gewalt sein. Sie waren aus Eisen. Sie würden sich nicht mit Magie bewegen, was er auch versuchen mochte. 
"Denk dran, gestorben wird nicht", mahnte er Gawain erneut, dann griff er nach dem Fuß und dem Knöchel und ... zog.
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 11:12 pm
Es war ein lautes Krachen zu hören, ein Schnalzen wie von einer Peitsche die gerade geschwungen wurde. Ein Schrei entglitt ihm nicht einmal, dafür war er zu angeschlagen. Sein geschundener Körper bäumte sich lediglich auf, er drückte den Rücken unnatürlich stark durch und wünschte sich in diesem Moment nur, all dies möge endlich aufhören. All die Monate der Qual und der Schikane. Monate in denen er sein Zeitgefühl, sein Körpergefühl und vermutlich auch seinen Verstand verloren hatte. Er konnte es gar nicht verhindern, dass sein Oberkörper sich weiter aufbäumte und die Qualen damit besser zum Ausdruck brachte als jeder Schrei es je gekonnt hätte. Seine Beine indes zuckten immer wieder, wobei er sein linkes Bein kaum noch benutzen wurde. Es fühlte sich an, als würde man die Gelenke einer Marionette bewegen wollen, nur das dort mit einem Mal ein Faden durchtrennt war.
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 11:16 pm
Lieber wäre es Devastare gewesen, Gawain wäre ohnmächtig geworden, aber scheinbar war ihnen beiden diese Gnade nicht vergönnt. Eilig zog er ihm den Stofffetzen aus dem Mund und stand auf, sich den anderen auf den Rücken ladend, indem er seine Arme über die Schultern zog und dort festhielt, bis er Gawain in der Geraden hatte, dann sah er nach hinten auf das käsebleiche Gesicht und griff unter die Kniekehlen des anderen. "Halt dich fest, so lange du kannst - wenn es nicht mehr geht, finde ich einen anderen Weg, in Ordnung?" Er hievte ihn hoch und taumelte unter den stechenden Schmerzen, die ihn dabei selbst überfielen, doch das durfte ihn jetzt nicht beeinflussen. Gawain musste hier raus und was dann war ... er würde einen Weg finden. Coreen würde ihn hören, wenn er Magie aussandte. 
"Komm schon, alter Mann. Wir haben noch einen Ausflug vor uns", presste Devastare heraus, ignorierte das Reißen in der Schulter und setzte sich schwankend in Bewegung. Der beißende Geruch des anderen tat sein Übriges, ihm die Luft zu nehmen. "Kira! Schließ hier bitte wieder zu - und dann zeig mir den Weg. Wir haben nicht mehr viel Zeit."
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 11:21 pm
Das Knallen, was immer es auch gewesen sein mochte, hinterließ Übelkeit in ihr während sie mit zitternden Fingern die Tür wieder hinter den beiden abschloss und sich noch einmal in dem Gang umsah, bevor sie die beiden durch die Gänge leitete, das Schwert eines Wachmanns noch immer in der Hand, um im Notfall schneller reagieren zu können, bevor einer von ihnen Alarm schlug und damit das ganze Schloss aufweckte. Die Nacht war ihr Vorteil, es waren kaum Soldaten unterwegs und auch ihr Vater schlief tief und fest in seinen Gemächern, ihn würde so schnell nichts außer einer Alarmglocke wecken können, das zumindest wusste sie aus eigener Erfahrung. "Achtung, Stufen", warnte sie nur nach hinten und schob sich ein paar enge, ungleichmäßige Stufen weiter nach unten, ignorierend, dass der Durchgang immer schmaler wurde. Es war der einzige Weg nach draußen - der einzige Pfad, der sie ungesehen rausbringen würde und sie hoffte inständig darauf, dass Devastares Freund bis dahin durchhalten würde.
"Was ist eigentlich, wenn wir draußen sind? Wohin dann mit ihm?"
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 11:28 pm
"Ich werde ... ich muss Coreen kontaktieren. Vielleicht ist sie noch nahe genug. Hoffentlich ist sie es ...", murmelte Devastare gepresst und kämpfte sich dem Gewicht des anderen vorwärts, das trotz dem Verlust seiner ursprünglichen Muskelkraft noch ganz schön viel war.
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 11:33 pm
Er bekam nur ab und an mit was Devastare und die junge Frau besprachen, die ihm scheinbar ebenfalls geholfen hatte zu fliehen. Warum verstand er noch, doch versuchte er auch gar nicht sich einen weiteren Reim darauf zu machen, da er ohnehin nicht wusste wer das Mädchen war. Übelkeit hing noch immer in seiner Kehle, gepaart mit dem seltsamen Gefühl auf einen Teil seines Körpers nicht mehr zugreifen zu können. Seine Augenlider schlugen immer wieder für einen Moment lang zu und schreckten danach wieder hoch, als wäre er ein Kind in den Armen des Vaters, das versuchte gegen den Schlaf anzukämpfen. „Coreen?“ Hakte er, halb von Erschöpfung, halb von Schmerz benebelt nach. „Geht‘s … ihr, gut?“
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 11:39 pm
"Ihr geht's gut", beruhigte Devastare den anderen. "Besser als dir jedenfalls. Sie wird dich abholen - und solange bleibe ich bei dir." Er sah Kiras Gesichtsausdruck, doch er schüttelte den Kopf, dass er es ihr später erklären würde. 
'Co', sammelte er seine Gedanken an die andere und sandte sie aus - irgendwo hinaus in die Welt, in der Hoffnung, sie möge ihn hören. Tatsächlich kam ihre Reaktion viel schneller als erwartet. 'Was ist los?'
Er benutzte wenige Worte, weil jeder Moment mehr, den er sich konzentrierte weiter seine Aufmerksamkeit davon wegzog, wie er über den unebenen Boden stiefelte, aber er fasste es so zusammen, dass sie verstand. Er spürte die Sorge mitschwingen, fühlte ihre kurzweilige Panik, dann die Entschlossenheit. 'Ich komme.'
"Sie kommt. Ruh dich aus, Gawain."
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 11:45 pm
Erst eine schiere Ewigkeit und Dutzende von schmaleren und breiteten Gängen später kamen sie bei einer kleinen Tür an und Kira wandte sich kurz über die Schulter zu Devastare und seinem Freund zurück. "Warte kurz", bat sie ihn während sie an dem Schlüsselbund herum zu suchen begann, einen Schlüssel nach dem anderen ausprobierend, bis das Schloss mit einem erlösenden Klicken endlich nachgab und die Tür nach außen hin aufschwang, um den Weg zu einem kleinen Waldpfad zu offenbaren. Innerlich dankte sie Ferryn dafür, dass die Ältere ihr im Laufe der letzten Jahre immer mehr von den Gängen gezeigt hatte, die die Bediensteten benutzten, weil ihr Vater nicht wollte, dass man einen von ihnen auf den Gängen für die Adligen sah - damit sie dort nicht Dreck verteilten und das Bild beschmutzten, das es vom Schloss geben sollte.
"Sieh nicht nach rechts oder links. Bleib nicht stehen - lauf einfach geradeaus bis zu einer Lichtung. Ich schließe hinter uns ab - wir können nicht denselben Weg zurücknehmen." Vor allem nicht, weil sie blutbesudelt waren, die Schwerter von Wachen bei sich trugen und ihre Kleider dreckig und voller Abwasser waren. Ohne ein Bad würden sie mit Sicherheit erst einmal keinen offiziellen Weg zurück in das Schloss nehmen können. "Los jetzt, Devastare. Ich komm gleich nach - lauf!"
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Re: Kapitel 6

am Fr Jan 19, 2018 11:52 pm
"Danke, Kira", wisperte er, dann begann er so gut es ging, sein Tempo zu steigern. Gawain war schwer und seine Muskeln zitterten bei jedem Schritt, die Knie drohten ihm einzuknicken ... nun, jedenfalls das eine. Er hoffte nur, Coreen wäre schnell. 
Die Tannenzweige streiften ihn, während er dem kleinen, winzigen Pfad folgte, der sich durch die Wälder schlängelte. Wälder, die mit Bäumen bewachsen waren, die er nur zum Teil kannte - hauptsächlich Nadelgehölze, kaum Laubbäume. Trotz, dass er vor Anstrengung schwitzte, fror er erbärmlich und Gawain musste es nicht besser gehen. Und dann endlich, nach einer schieren Ewigkeit, erreichte er die Lichtung, von der Kira gesprochen hatte. So vorsichtig es ging ließ er den Freund auf den Boden sinken und landete neben ihm im Schnee, für eine Minute nicht in der Lage etwas anderes zu tun als zu atmen und auf die Dampfwölkchen zu sehen, die vor seinem Mund aufstiegen. 
"Dann wollen wir mal, Gawain ... so trittst du Coreen besser nicht unter die Nase", murmelte er schließlich und begann mit seinem Feuer einen Schneehaufen zu einer Pfütze zu schmelzen, in deren warmes Wasser er ein weiteres Stück Stoff tauchte, bevor er damit Gawains Wunde am Bein abzuwaschen begann, um sie danach zu verbinden. Der Rest an Schmutz und Dreck würde danach folgen. 
Die einfache Tätigkeit beruhigte ihn ein wenig, ließ seine Nerven zur Ruhe kommen, aber das Drücken in seinem Magen blieb. Er lauschte angestrengt auf die Umgebung und als Schritte zu hören waren, fuhr er auf, den Dolch kampfbereit in den Fingern.
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Re: Kapitel 6

am Sa Jan 20, 2018 12:00 am
Gawain fror jämmerlich und konnte das Klappern seiner Zähne nicht verhindern. Er schlang die Arme um sich und versuchte auf irgend eine Art und Weise die restliche Wärme die er im Körper hatte, bei sich zu behalten. Doch es half nichts, die Kälte fraß sich langsam in ihn hinein, auch wenn jede Berührung von Devastares warmen Lappen eine kurze Wohltat war, die allerdings kurz darauf eine noch stärkere Kälte zurückließ. „Es tut“, er stemmte sich angestrengt ein Stück nach oben um Devastare im fahlen Licht des Mondscheins sehen zu können. „Es tut mir Leid, mein Junge. Du … solltest nicht wegen mir dein Leben … riskieren“, er konnte sich nicht lange genug oben halten und legte den Kopf letztlich wieder auf den kalten Boden, welcher sich nach und nach mit einer dichten Schneedecke einkleidete. Es wirkte beinahe friedlich den geräuschlosen Flocken beim Fallen zuzusehen und plötzlich wurde ihm bewusst, dass er zum ersten Mal seit – er wusste nicht einmal wie viele Monate er eingesperrt worden war, wieder den Himmel sah, so dunkel, trüb und wolkenverhangen dieser auch aussehen mochte. „Danke.“
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Re: Kapitel 6

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