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Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 7:49 pm
Die Kälte, die bereits seit ein paar Wochen über die Stadt eingebrochen war und ihnen gerade zu schaffen machte, nervte inzwischen gewaltig. Die Schneestürme zerrten an den Nerven von jedem Einzelnen, die Rationen waren dünner geworden, weil es das Wetter kaum mehr erlaubte, dass sie noch verschwenderisch mit irgendetwas umgingen, von den Außeneinsätzen einmal ganz zu schweigen, die bereits nach Einbruch des eisigen Winters ausgesetzt worden waren. Dutzende von ihnen lagen inzwischen mit - im besten Fall Erkältungen in ihrem Bett - im schlimmsten Fall mit einer Lungenentzündung bei Levin auf der Krankenstation und statt besser schien es mit jedem Tag nur noch schlimmer zu werden.
Schlimmer war die ganze Situation nur noch aufgrund dessen, dass sie gerade erst vor ein paar Wochen ein paar Tips bekommen hatten, die ihnen weiterhelfen würden. Tips, die ihnen den Zugang zu einer unterirdischen Anlage ermöglichen würden, in der noch mehr von ihnen gefangen waren und die sie würden befreien konnten. Nächtelang hatten sie Pläne hin und her gewälzt, Überlegungen angestellt, wie und wann es am Besten sein würde und letztlich waren sie an ein paar schniefenden Nasen und Husten gescheitert. Die Erkenntnis allein hatte schon dafür gesorgt, dass sich ein weiterer Tisch einem Wutanfall hatte beugen müssen, den Anna nur mit hochgezogenen Augenbrauen zugesehen hatte, weil sie inzwischen nicht mehr darüber zusammenzuckte.Gleichzeitig hatte die Grippewelle nämlich auch dafür gesorgt, dass sie morgens niemand aus ihrem warmen Bett rausscheuchte, weil irgendetwas mit der Vorratsaufteilung gewesen war und sie hatte die paar Stunden genossen, die ihr in den Kissen geblieben waren und die ab und an sogar dafür gesorgt hatten, dass die warme Person neben ihr ebenfalls nicht aufgesprungen war, wie von der Tarantel gestochen.
Heute war keiner dieser Tage, die so ruhig begonnen hatten. Im Morgengrauen hatte man sie beide aus dem Bett gescheucht, weil sich zwei übermütige Jugendliche hatten miteinander prügeln müssen und es soweit gegangen war, dass es nicht mehr die Einzigen gewesen waren und nach der Ansage und Strafabwicklung war nicht mehr viel übrig von der gemütlichen Ruhe als eine dampfende Tasse Tee zwischen den Fingern, einer alten klackenden Uhr und einen Schreibtisch mit Dutzenden von Papieren. Altmodisch, damit niemand darauf Zugriff nehmen konnte.
"Dein Tee wird kalt", unterbrach sie leise und mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen das Gebrummel ihres Gegenübers. "Levin freut sich bestimmt dich auch bald zur Bettruhe verdonnern zu können. Da wartet er schon eine Weile drauf."
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 8:02 pm
"Dann kann er noch eine Weile länger warten. Er hat ohnehin keine Betten mehr frei", gab Elias ungerührt zur Antwort und beachtete den Haufen an Taschentüchern gar nicht, der sich auf dem Mülleimer neben ihm türmte wie eine kleine Schneekapuze auf einer Säule. Trotzdem griff er nach der Tasse und barg das lauwarme Ding in seinen Finger. Die Heizung war das, was noch lief und hoffentlich noch laufen würde, bis sie alle wieder auf den Füßen waren. Sie brauchten dringend Nachschub an Öl. Es war einfacher zu beschaffen als Gas, aber immer noch schwierig genug, um als wertvolles Gut zu gelten und ausnahmsweise hatten sie hier niemanden, der ihnen wirklich von innen heraus helfen konnte wie an anderen Stellen. Wirklich ein Versäumnis, das sie aufholen mussten.
"Hier drüben brauchen wir dringend Dämmung", erklärte er wie aus dem Nichts heraus und zog einen Plan des alten Flughafens zu sich herüber, deutete dann mit dem Finger an einem Strich entlang, der die Außenmauer darstellte, hinter der sie gerade saßen.
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 8:11 pm
"Wir brauchen generell ziemlich viel ziemlich dringend, wenn du mich fragst", antwortete sie lediglich und verbiss sich ihr Augenrollen, weil sie genauso gut mit einer Wand hätte darüber reden können, dass der Begriff Ruhe etwas anderes implizierte als ein Haufen Papiere auf einem schlecht zusammengeschraubten, wackeligen Schreibtisch. Trotzdem setzte sie sich jetzt langsam in Bewegung und trat halb hinter ihn, ihre eigene Tasse kurzerhand auf dem Tisch abstellend, bevor sie die warmen Finger um seinen Nacken schob und sie erst nach einer Weile wieder löste. "Also ... zeig mal her", murrte sie schicksalsergeben und beugte sich nach vorn, das Kinn auf der Schulter aufstützend und den Blick über die Papiere wandern lassend.
Dämmung würden sie aktuell allerhöchstens durch ein paar Decken bekommen. Luftlöcher durch Metall stopfen müssen, das sich in den Überresten des einstigen Flughafens befand, den sie für sich beansprucht hatten und der einfach nicht so recht den Anforderungen entsprach, den 40 Menschen hatten, um hier zu überleben. Es war zugig - die elektrischen Türen bereits vor einer ganzen Weile abgeschlossen und abgedichtet aber es reichte hinten und vorne nicht. "Mhm", machte Anna aber trotzdem, statt sich laut über die Ausgangssituation zu beschweren. "Ich red nachher mal mit Josh - vielleicht kriegt er was zusammen, was er als Dämmung nutzen kann und das uns nicht an anderer Stelle fehlt."
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 8:17 pm
"Wir bekommen eine Lieferung rein, morgen früh. Jeremy hat wohl irgendwo einen Laster voller Dämmmaterial besorgt. Ich will gar nicht genau wissen, wie und wo er es her hat, aber es hilft uns ungemein. Und Dana ist unterwegs für ein paar Möbel. Betten, ein paar Tische. Die Jahreszeiten sind uns diesmal nicht sonderlich gewogen." Der Winter war früh und hart gekommen und er schien bleiben zu wollen. Draußen lag Schnee, teilweise aufgeweht und anderthalb Meter hoch und die Schicht war absolut dicht und dick. Wunderschön vielleicht, wenn man einen Kamin, genug Brennholz und weiter keine Probleme im Leben hatte, aber ihr Leben war nicht mehr so einfach. Es gab Tage, da wünschte Elias sich zurück in eine weitaus friedlichere Zeit, da wollte er alles hinwerfen, besonders morgens, wenn er aus dem Bett geklingelt wurde, weil irgendein Notfall anstand, aber dann wieder, wenn er die Nachrichten sah, dann wusste er, warum er all das hier auf sich nahm. "Vielleicht müssen wir aber Zimmer zusammenwerfen. Jeder Raum, der geheizt werden muss, ist Ballast und wir müssen so viel wie möglich davon los werden."
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 8:24 pm
Das, was er hier gerade begann, war eine diplomatische Variante davon zu suchen, wie er ihr glaubhaft erklären konnte, dass es sinnvoller war gemeinsame Zimmer zu haben und auch sie bald umziehen würden. Zu anderen - in Räume, in denen Dutzende schliefen und in denen spätestens Finn ebenfalls Dutzende stören würde - oder ihn andere stören würden, weil sie nicht an ihn denken würden, wenn sie abends in den Gemeinschaftsraum polterten. Sie dachte mit Grauen daran, wie viele schlaflose Nächte es sie kosten würde, wenn sie sich darauf einließ und auf der anderen Seite sah sie trotzdem die Notwendigkeit hinter diesem Vorschlag. Unglücklich über den Umstand blies sie Luft in die Wangen und stieß sie lauter als geplant wieder aus während sie sich wieder ein paar Schritte entfernte und dann stehen blieb. "Wie willst du aufteilen?", hakte nach, in der Hoffnung so noch ein bisschen an dem Unausweichlichen vorbei zu kommen, das gerade wie ein großes Schwert über ihr schwebte.
"Wenn du mit sowas um die Ecke kommst, hast du dir nicht erst seit heute Morgen um sechs Gedanken gemacht, sondern mindestens schon seit gestern - wenn nicht sogar seit vorgestern."
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 8:29 pm
"Seit drei Wochen", gab er zurück, nicht im Mindesten daran denkend, Schuldgefühle in seine Worte mit aufzunehmen. Unter dem ganzen Stapel an Grundgrissen zog er ein anderes Papier hervor, liniert, mit abgerissenen und eingeknickten Ecken, Kaffeeflecken in der Mitte und durchgestrichenen Namen. Aber im unteren Bereich waren verschiedene Kästchen umrandet und dort drin standen Namen. Nicht all zu viele, immer vielleicht vier oder fünf, manchmal sechs. "Damit würden wir auf eine Verteilung von acht bis zehn Zimmern kommen als im Moment zwanzig. Ich weiß, es ist eine Umstellung, aber wir haben die Wahl zwischen Zähne zusammenbeißen oder erfrieren. Diese Krankheitswelle ist nur das, was entsteht, wenn alle hier unterkühlt sind. Im Frühjahr können wir die anderen Zimmer angehen und haben wieder mehr Ruhe." Elias hob die Hand, unterbrach damit Anna, bevor sie noch etwas sagen konnte. "Ich weiß, es ist nicht ideal."
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 8:36 pm
"Du bist wirklich kein Meister darin Sachen so auszudrücken, als würde man wenigstens dadurch etwas gewinnen .... du wärst ein miserabler Politiker geworden", murrte Anna lediglich missgünstig, weil 'Nicht ideal' absolut nicht das war, was ihr zu der Erklärung eingefallen wäre, die sie soeben gehört hatte. Notwendig ... gezwungenermaßen eine kurzfristige Lösung ... eigentlich ziemlich beschissen - waren eher Worte, mit denen sie all das umschrieben hätte, aber es brachte alles nichts. Im Grunde würden sie so verhindern, dass noch mehr von ihnen krank wurden - es würde helfen, dass nicht noch mehr bei Levin liegen würden und notgedrungen bemühte sie sich damit sich mit dem Gedanken abzufinden.
"Aber was soll ich sagen?", fragte sie, wartete aber gar nicht auf eine Antwort und schnappte sich stattdessen den verkritzelten Zettel, zuerst die Kaffeeflecken darauf, dann die ausgestrichenen Namen musternd, bevor sie zur Zimmeraufteilung überging. "Im besten Fall also so schnell wie möglich", schlussfolgerte sie auf den Zettel hin und schob ihn wieder zurück. "Zu heute Abend?"
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 8:40 pm
"Lass es uns morgen angehen", bat er und verzog das Gesicht. "Für heute hatte ich genug Ärger in der Mannschaft, lass die Wogen sich erst mal glätten. Außerdem wollte Levin wenn möglich morgen ein paar Leute aus seiner Obhut entlassen."
Er wäre wahrhaft kein guter Politiker geworden. Ein guter Soldat, ja, ein guter Mensch vermutlich auch, wenn es nach den meisten ginge. Er konnte abschalten und handeln, aber lügen war nicht sein Ding. Es hatte Adam weit gebracht und es hatte ihm verdammt viele Feinde eingebracht.
"Was haben wir heute noch auf der Agenda?", lenkte er das Thema ab von den Zimmern. Annas Missbilligung war deutlich zu sehen, weil ihre Nasenspitze zuckte. Das tat sie nur, wenn die dazugehörige Person ärgerlich war und verübeln konnte er es ihr nicht. Im Grunde hatte er auch keinen Bock auf Jugendherberge, aber so war es momentan eben. Army war ein Scheißdreck dagegen, da war das Ende abzusehen, wenn es nach Hause ging. Das hier war ... dauerhaft.
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 8:46 pm
"Verdammt viele Pläne von der Tagesordnung sind gestrichen worden, nachdem die dazugehörige Person jetzt krank ist ... ganz ehrlich, ich will die Vorratsliste nicht sehen, wenn ich an den Verbrauch von Taschentüchern, Küchenrollen und Toilettenpapier denke, der sich gerade auftut ... jedenfalls", begann sie und hockte sich auf die Kante des Schreibtischs, ein Bein baumeln lassend und die Nase noch einmal rümpfend. Im Grunde genommen war sie froh darüber selbst verschont geblieben zu sein, aber das mochte auch an einem quierligen Bündel liegen, das seine Finger grundsätzlich überall hatte und schon seit knappen zwei Jahren alles Mögliche in ihrem Gesicht verteilte - inzwischen begann sie zu glauben, es habe sie abgehärtet.
"Ich will ja nicht ganz vermessen sein ... aber wie wärs mit - wir kümmern uns um die beschissene Dämmung und haben dann den Rest des Abends einfach mal Zeit?", schlug sie vor und zuckte mit den Schultern. "Du wärst übrigens mal wieder dran was die Gute-Nacht-Geschichte angeht."
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 8:53 pm
Sie hatte es ohne Vorwurf gesagt, aber Elias wusste, dass sie es nicht gut hieß, wie oft er abends verhindert war. Wenn er ehrlich war ... er selbst hasste es, dass sein Sohn ihn so selten sah und sie hatte völlig Recht, wenn sie sagte, er sollte sich den Tag einfach frei nehmen und dann ... ein schmales Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er Anna durch die Haare strich und sie auf die Schläfe küsste, all das in einer fließenden Bewegung, während er aufstand.
"Der Lastwagen wird erst morgen hier sein, Anna, so lange können wir ohnehin nichts tun und du hast Recht. Finn sieht mich viel zu selten." Sie hatte es anders ausgedrückt, aber sie beide wussten, was sie hatte sagen wollen. "Dann lass ihn uns holen."
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 9:01 pm
Überrascht von dem plötzlichen Sinneswandel mit dem sie nicht gerechnet hatte, blieb Anna zuerst vollkommen irritiert blinzelnd zurück und wusste nicht so recht, ob sie dem Aktionismus jetzt Vertrauen schenken sollte oder nicht. Es war ein pures Gedankenspiel gewesen - eine Diskussion, die sie bereits seit Ewigkeiten immer wieder führten, seit das zwischen ihnen aus einem - niemand wusste genau, was es war - mit einem ungeplanten - Oh Fuck - geendet war und sie jetzt zu den Eltern eines kleinen Jungen gemacht hatte. Anna wollte ihr Glück nicht auf die Probe stellen, in dem sie ihn jetzt ein 'Sicher?' fragte und nickte stattdessen nur, bevor sie sich von ihrem eigenen Platz erhob.
"Ich hatte überlegt, wenn das Wetter besser ist - kurz mit Finn rüber in die Stadt zu fahren und ein bisschen was für Weihnachten zu kaufen. Es ist nicht mehr lang hin und ganz ohne Tradition käme mir das falsch vor."
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 9:05 pm
"Nimm Grace mit. Sollte irgendetwas sein, wird sie euch über Wasser halten", erwiderte Elias, weil es nicht in Frage kam, dass er sein Gesicht in diesem Ort zeigte. Es würde zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn ihn jemand erkannte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, nicht mehr derjenige zu sein, der sich überall auf der Welt frei bewegen konnte, aber sie alle brachten Opfer für das, was sie vor hatten und was die Welt wieder zu einem sichereren Ort machen würde. Sie konnten später immer noch Weihnachtssachen einkaufen gehen.
"Wir kümmern uns um einen Baum. So nahe an Kanada mit all seinen Nadelwäldern ist das das Mindeste und die Leute brauchen ein wenig Ablenkung." Er konnte Anna nicht einsperren und einem kleinen Jungen tat das Festsitzen hier auch nicht sonderlich gut. Verstopfte Toiletten, weil er sich einen Spaß mit den Klopapierrollen erlaubte, waren noch das Mindeste, aber seit Esra ihn angebrüllt hatte, weil er das ganze Essen für eine Woche mit Matsch zusammengeworfen hatte, hielt er sich ziemlich bedeckt.
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 9:19 pm
"Niemand kennt unser Gesicht. Es wird nichts passieren."
Dazu kam, dass diejenigen, die sich noch an ihr Gesicht erinnern würden, niemand sie mit ihm in Verbindung bringen würde, geschweige denn dass jemand glauben würde, dass es da irgendetwas gab, das sie im Vergleich zu anderen konnte und solange, wie Finn nicht einen Teddybären am oberen Ende eines Regals bemerken würde, an das er nicht herankam, würde auch in der Stadt nichts weiter Schlimmes geschehen. "Mach dir bitte keine Gedanken, aber wir alle hier brauchen ein bisschen Routine. Nervtötende Traditionen, die sie bei der Stange halten - die Kälte macht uns gerade allen zu schaffen", setzte sie noch nach, um keine weitere Diskussion über das Wenn und Aber eines kurzen Ausflugs vom Zaun zu brechen, stattdessen hielt sie ihn nur einmal kurz am Arm zurück.
"Und dir tut ein bisschen Routine auch mal ganz gut."
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 9:21 pm
"Anna, ich habe dir zugestimmt, das ist dir aufgefallen, oder?", hakte Elias belustigt nach und schüttelte den Kopf über ihre sofortige Abwehr und Ausführung, warum das alles gut war. Manchmal war sie so darauf trainiert, ihm sofort zu widersprechen, dass sie gar nicht mehr mitbekam, was er eigentlich gesagt hatte. "Du sollst Grace mitnehmen, das ist alles, worum ich dich bitte."
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 9:24 pm
Es dauerte tatsächlich einen ganzen Augenblick bis ihr auffiel, was er da eigentlich gerade gesagt hatte und peinlich berührt darüber, dass erneut so viele Automatismen gewonnen hatten, statt ein paar Hirnzellen mehr räusperte sie sich vernehmlich. "Siehst du?", fragte sie grinsend und boxte ihn sacht in die Seite. "Das machst du schon mit mir! Ich bin es gar nicht mehr gewöhnt, dass du zustimmst!"
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 9:25 pm
"Dir immer nur nach dem Mund zu reden wäre absolut und tödlich langweilig", kommentierte Elias schulterzuckend und ließ sie aus der Tür, ehe er sie hinter sich ins Schloss zog. "Vor allem langweilig für dich. Bei wem hast du Finn gelassen?"
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 9:30 pm
Langweilig für sie ... manchmal wäre es einfacher eine Diskussion weniger führen zu müssen, statt um jeden Fortschritt zwei andere Schritte erklären zu müssen, aber sei es drum. Sie ließ ihn gewähren und schüttelte lediglich leise lachend den Kopf. Wenn er eine Ahnung hätte, wie viel Lust sie gerade auf tödliche Langeweile hätte im Vergleich zu dem Chaos hier, das überall bestand und das doch so sehr zu ihrem Lebensalltag geworden war.
"Hope hat den kleinen Wirbelwind mit runter in die Küchen genommen, nachdem der Aufstand losging. Da hat er am Wenigsten von dem Trubel mitbekommen."
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 9:33 pm
"Hoffentlich hat Esra heute keinen Dienst", murmelte Elias und fuhr sich durch die Haare, dann lenkte er seine Schritte in Richtung der Küchen. Küchen war ... relativ. Es war die alte McDonalds-Filiale, die im Flughafen ansässig geworden war, kurz bevor er geschlossen wurde und die damit das neueste an Equipment hatte. Es wirkte ab und an etwas skurril, wenn man auf den roten, Bänken saß, direkt unter einem unbeleuchteten, riesigen "M" und eine Kartoffelsuppe aß, die absolut nicht nach Fastfood schmeckte, sondern eher wässrig, weil sie strecken mussten, was auch immer sie bekamen.
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 9:42 pm
"Das hätten wir gehört", murrte Anna lediglich, weil sie wusste, dass Finn den anderen überhaupt nicht mochte und es regelmäßig damit endete, dass sich der Küchenleiter mit einem Kleinkind anschrie. Der Eine, weil er bockig darüber war, dass er seinen Willen nicht bekam und der andere, weil er erschrocken über das laute Schreien in Tränen ausbrach und loskreischte - wie das Kleinkind, das er eben war. Aber statt dem lauten Schreien begegnete ihnen in der Küche ein zufriedener kleiner Junge, tief gebeugt über ein paar hölzerne Bauklötze, von denen Anna nicht einmal wusste, woher sie eigentlich kamen - sie ertappte Finn dabei, wie er die Zunge ein Stück ausgestreckt hatte, wie er es immer tat, wenn er angestrengt nachdachte und Bauklotz für Bauklotz hin und her schob - aufeinanderstapelte und sie dann doch wieder umwarf, nur um ganz neu zu beginnen.
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 9:44 pm
"Ich bin ja nur froh, dass er nicht für den Innenausbau zuständig ist. Dann würden wir nicht fertig werden", lächelte Elias und spürte den Druck der Verantwortung ein wenig von sich abfallen, ehe er sich neben den Jungen auf den Boden hockte und ihm eine Weile zusah, bis er dessen Aufmerksamkeit hatte.
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 9:53 pm
Im ersten Moment schien Finn noch zu sehr gefesselt zu sein von den Bauklötzen vor ihm, aber spätestens ein einer davon zur Seite fiel, weil er zu schräg auf den anderen gestapelt worden war, wurde seine Aufmerksamkeit auf die größere Gestalt neben ihm gerichtet. Blinzelnd und sichtlich erstaunt dauerte es einen kurzen Moment bis das Erkennen wirklich folgte, dann schließlich tönte ein sehr lautes "DADDY!" durch den großen Raum, während sich das runde Kindergesicht aufhellte. Die Bauklötze völlig vergessen habend, klammerte Finn die kleinen Ärmchen um den Älteren und drückte so fest er konnte - nur um den Versuch zu machen, dass sein Vater nicht gleich wieder gehen würde.
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 9:56 pm
"Hey - hey hey hey", beschwichtigte Elias den Jüngeren und nahm ihn sacht mit sich in die Höhe, als er aufstand, gar nicht erst den Versuch machend, die Arme von sich zu lösen. Schraubzwingen waren nichts dagegen und er konnte es Finn nicht verübeln. Langsam verlor er den typischen Kleinkindgeruch, den er immer verströmt hatte, aber wem wollte er sich etwas vormachen? Der Kleine war zwei Jahre alt. Die Zeit verging viel zu schnell und das, was er an Zeit übrig hatte, war viel zu wenig; die übliche Krux. "Wast hast du da gebaut, hm?"
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 10:03 pm
Anna lachte nur leise über das kleine Gesichtchen, das sich da an der Schulter des Vaters vergraben hatte und streichelte sacht über die verkrampfte Hand in Elias' Pullover. Hätte man ihr vor drei Jahren gesagt, dass sie einmal hier stehen würde - sie hätte denjenigen ausgelacht und erklärt, dass das hier kein Ort für Kinder war - dass sie zu jung für Kinder war und dass eigentlich niemals in Betracht gezogen hatte und dann war da Finn gewesen. Erst noch hatte sie daran gedacht einfach den Mund zu halten, nichts zu erwähnen und es einfach mit sich selbst auszumachen - es war anders gekommen und hier stand sie jetzt mit den beiden wichtigsten Menschen ihres Lebens und bereute nicht einen einzigen Schritt.
"Nicht gehen", hörte sie Finn leise nuscheln statt sich davon ablenken zu lassen und Anna warf Elias nur einen kurzen Blick zu. Beinahe hatte sie damit gerechnet. "Nich' weg gehen", folgte es noch einmal bestimmter von dem jüngsten Mitglied ihrer kleinen Familie.
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Re: Kapitel 1.

am Sa Sep 29, 2018 10:06 pm
"Ich bin hier, Kleiner, okay?", erwiderte Elias nur und betrachtete eine Weile die Bauklötze auf dem Boden, bevor er Finn von der Seite her ansah - oder das, was er erkennen konnte: einen dunklen Haarschopf, in dem sich die letzten Babylocken versteckt hatten, die langsam heraus wuchsen. "Lass uns eine Runde spielen gehen, wir haben genug Zeit heute." Ausnahmsweise. Gott, wie er das alles manchmal hasste. Aber er tat es für Finn. Für Anna - für so viele dort draußen, die in Angst leben mussten. Manchmal brauchte er diese Worte, um sich selbst zu beruhigen und zu rechtfertigen, welchem Stress er seine Familie aussetzte. Manchmal half es ... und an anderen Tagen nicht.
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Re: Kapitel 1.

am So Okt 14, 2018 6:23 pm
Ab und an schmerzte es ihren Sohn so zu sehen, wie er sich an seinen Vater klammerte und nicht einen einzigen Zentimeter Luft zwischen sich und den Älteren kommen lassen wollte. Sie hörte ihren kleinen Sohn abends nach seinem Vater weinen, immer dann, wenn sie selbst ihn kaum mehr beruhigen konnte bis er erschöpft, schweißnass und mit knallrotem Gesicht einfach einschlief und noch immer leise im Schlaf schniefte.Oft genug hatte sie sich gewünscht, sie würden ein ganz gewöhnliches Leben führen, wo Finn eines Tages in den Kindergarten oder später in die Schule gehen konnte - wo ihr Leben nicht auf einem Flughafen stattfand und die Bildung der eigenen Leute das Einzige sein würde, was ihr Sohn lernen würde.
Wortlos folgte sie den beiden durch die leeren Gänge und schob die kalten Hände in die Jackentaschen. Ein einziger Tag würde sie alle nicht umbringen - es würde nicht pures Chaos über sie alle hereinbrechen, weil sie ein einziges Mal aufatmen würden. "Versuchs draußen mit Schneepinguinen", raunte sie Elias leise zu und zuckte auf seinen Blick hin mit den Schultern. "Schneemänner sind ihm zu gruselig."
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Re: Kapitel 1.

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